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Kevin-Prince Boateng (M.) spielt seit 2010 beim AC Mailand in der Serie A © imago

Milans Spieler wird für seine Reaktion gelobt. Viertligist Pro Patria verneint indes, es seien seine Ultras gewesen.

Von Christian Paschwitz

München - Kevin-Prince Boateng setzte in der 26. Minute gerade zu einem Dribbling am linken Strafraum-Eck an, da hatte er die Nase endgültig voll von den rassistischen Anfeindungen einer Schar Unverbesserlicher:

Der dunkelhäutige Profi des AC Mailand nahm den Ball in die Hand und feuerte ihn wütend in Richtung der Anhänger von Pro Patria, ehe er zügigen Schrittes vom Feld schritt. (Bericht)

Seine über die Schmähungen entsetzten Teamkollegen folgten ihm - die Partie wurde nicht mehr beendet.

Eigentlich hatte es ein entspanntes Freundschaftsspiel gegen einen Viertligisten sein sollen. Stattdessen geriet es zum vorläufigen Höhepunkt im seit Jahren von Rassismus durchsetzten Calcio. ( 658083 Diashow )

Erster Spiel-Abbruch wegen Rassismus

Es war das erste Mal, dass ein Spiel in Italien wegen rassistischer Rufe abgebrochen wurde, die neben Boateng auch die dunkelhäutigen Milan-Spieler M'Baye Niang und Sulley Muntari zum Ziel hatten.

"Es ist eine Schande, dass so etwas immer noch passiert. Es ist inakzeptabel - ich hoffe, dass das Zeichen bei solchen Unbelehrbaren endlich ankommt: Schwarz und weiß ist eins - es gibt keine Menschen zweiter Klasse", sagte Boateng der "Sport Bild".

Der ghanaische Nationalspieler und gebürtige Berliner ergänzte: "Die Entscheidung ist aus meiner Sicht komplett richtig gewesen."

Boateng gibt mutiges Signal

Das meinen auch viele andere - und betrachten Boatengs Aktion als mutiges Signal:

"Ich bin enttäuscht und betrübt, aber ich denke, dass es die richtige Entscheidung war, nicht auf das Feld zurückzukehren - aus Respekt vor unseren Spielern und allen anderen farbigen Spielern in jeder Liga", sagte AC-Trainer Massimiliano Allegri. (DATENCENTER: Serie A)

"Der AC Milan hat sich fantastisch verhalten. Italien muss wachsen und entschlossener gegen Rassismus vorgehen. Wir haben einen wichtigen Schritt in diese Richtung unternommen", sagte Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli.

[kaltura id="0_38orwvkp" class="full_size" title="Boateng rassistisch beleidigt"]

Zeitungen loben

Der Präsident der Spielergewerkschaft AIC, Damiano Tommasi, solidarisierte sich ebenfalls. "Der AC Milan hat ein wichtiges Signal gegeben. Das Ideal ist allerdings nicht, das Spiel abzubrechen, sondern die Rassisten aus den Stadien zu verjagen."

Die "Gazzetta dello Sport" kommentierte: "Wir sind alle Boateng! Seine Geste, seine Revolte gehören uns allen. Wir sind schwarz wie er, schwarz im Gesicht, in der Seele, schwarz vor Wut wegen einer riesigen Beleidigung gegen die Vernunft und das zivile Verhalten."

"Tuttosport" pflichtete bei: "Der Beschluss , das Spiel abzubrechen, ist vorbildhaft."

Kollegen stärken den Rücken

Großen Zuspruch gab es überdis von vielen Spieler-Kollegen und früheren Profis:

Der französische Welt- und Europameister Lilian Thuram sprach von einer "einmaligen Reaktion" der Milan-Spieler.

"Milan hat beschlossen, hart gegen Rassisten vorzugehen. Zum ersten Mal bricht ein Topklub aus Protest gegen das rassistische Verhalten von Fans ein Match ab", so der heutige UNICEF-Botschafter gegen Rassismus.

"Würde wieder vom Feld gehen"

Boateng selbst bedankte sich am Freitag für den Zuspruch und betonte, in Zukunft genauso handeln zu wollen.

"Egal, ob Freundschaftsspiel, Ligaspiel oder Champions League - ich würde wieder vom Feld gehen. Ich bin traurig und wütend, dass ich derjenige sein musste, der etwas unternimmt", sagte der 25-Jährige im Interview mit "CNN".

"Ich habe genug davon"

Er habe während des Testspiels dem Schiedsrichter "dreimal gesagt, dass ich beleidigt wurde, aber er hat nur gesagt: 'Mach' Dir keine Sorgen.' Ich habe ihm aber gesagt, dass ich mir welche mache."

Boateng sagte, er sei "überrascht, dass es so etwas 2013 noch gibt". Er sei nicht das erste Mal in seinem Leben rassistisch beleidigt worden, "aber ich bin jetzt 25 und habe genug davon".

Sahin: "Ich bin stolz auf Dich"

"Ich bin stolz auf Dich, Bruder - stoppt Rassismus ein für allemal ", lobte via Twitter der derzeit an den FC Liverpool verliehene Nuri Sahin und bediente sich dabei ähnlicher Worte wie zuvor Boatengs tatsächlicher Bruder Jerome (FC Bayern).

Und Marco Materazzi, Weltmeister mit Italien 2006, erklärte schlicht: "Großartiger Prince."

Boateng twitterte sogleich zurück: "Danke an alle für die Unterstützung und das Verständnis. Das bedeutet mir sehr viel."

Pro Patria: Nicht unsere Fans

Bedaurn kam seitens des Amateur-Vereins aus Busto Arsizio, dessen Spieler noch versucht hatten, auf die Skandal-Fans einzuwirken, um eine Fortsetzung des Spiels zu erwirken.

Präsident Pietro Vavassori verurteilte die rassistischen Rufe und zeigte Verständnis für Boatengs Reaktion: "Ich bin verbittert, verstehe aber Milans Entscheidung."

Laut Vavassori sollen die Störenfriede aber nicht zu den Fanklubs von Pro Patria zählen, dessen Namensübersetzung bemerkenswerterweise "Für das Vaterland" lautet: "Die Herrschaften wurden ermittelt. Sie gehören nicht zu den Ultras von Pro Patria."

Milans Ambrosini widerspricht

AC-Kapitän Massimo Ambrosini dagegen berichtete, dass die Rufe wiederholt aus dem Fan-Block des Gegners zu hören gewesen seien: "Wir wurden von Beginn an belästigt."

Schätzungsweise handelte es sich dabei um 40 Ultras. Insgesamt waren rund 2000 Zuschauer im Stadion, darunter auch viele Familien mit Kindern.

Polizei ermittelt - erster Täter gesteht

So oder so: Der Rassismusskandal wird ein Nachspiel vor Gericht haben.

Nach Angaben italienischer Medien überprüft die Polizei Videoaufnahmen des Spiels, um die Täter zu identifizieren.

Ein erster Täter hat bereits gestanden. Ihm droht unter anderem eine fünfjährige Stadionsperre.

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