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Markus Babbel wurde 1996 mit Deutschland Europameister © imago

Stuttgarts Trainer Markus Babbel ist ein Paradebeispiel für ein Steh-Auf-Männchen. Sowohl auf dem Platz als auch abseits.

Von Nils Reschke

"Fußball ist nicht das Wichtigste?, betont Markus Babbel immer wieder.

Aus seinem Mund klingt das im ersten Moment schon erstaunlich. Der Europameister von 1996 sammelte schließlich bei den Münchner Bayern so ziemlich jeden Titel, gewann, was es zu gewinnen gab.

Selbst als Trainer ist Babbel ein gefragter Mann. Der 36-Jährige führte den VfB Stuttgart zurück in die Erfolgsspur, könnte sogar wie einst 2007 mit den Schwaben (Restprogramm VfB Stuttgart) den Überraschungscoup landen.

Es gab allerdings eine Zeit, da standen all diese Erfolge auf der Kippe, als die Ärzte am 28. November 2002 bei Markus Babbel eine heimtückische Nervenerkrankung, das Guillain-Barré-Syndrom, diagnostizierten.

Neue Herausforderung an der Anfield Road

Als Verteidiger legte der gebürtige Münchner eine Muster-Karriere hin. Auf die Jugendmannschaften des FC Bayern folgten seine Lehrjahre von 1992 bis 1994 beim Hamburger SV, ehe der heute 36-Jährige zurück zum Rekordmeister wechselte, wo es fortan steil bergauf ging.

Drei Mal holte der Abwehrstratege die Schale in die bayrische Landeshauptstadt, zwei Mal den DFB-Pokal.

Auch international war Babbels Werdegang von Erfolgen verwöhnt. Neben dem UEFA-Cup-Sieg zählte er 1996 zu der Mannschaft, die der Star war und wurde in England Europameister.

Markus Babbel war auf den Geschmack gekommen, suchte eine neue Herausforderung. Und fand sie im Sommer 2000 beim FC Liverpool. (Alles zur Premier League)

Der erste Rückschlag: Pfeiffersches Drüsenfieber

Die erste Saison auf der Insel verlief für den Münchner äußerst erfolgreich. FA-Cup, Liga-Cup, Charity Shield, UEFA-Cup und Europäischer Supercup: Auf seiner Visitenkarte war kein Platz mehr. Doch dann zogen dunkle Wolken über die Anfield Road.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, im besten Fußballalter erkrankte Babbel am Pfeifferschen Drüsenfieber. Der Abwehrspieler stand gerade vor seinem Comeback, als auf einmal seltsame Dinge passierten.

"Es hat angefangen mit Zehenkribbeln. Zunächst habe ich mir keine großen Gedanken gemacht. Ich habe gefragt, ob das normal ist und man hat mir gesagt, das sei in drei Wochen wieder weg?, erzählt Babbel.

Doch das Kribbeln blieb. "Dann wurde es immer schlimmer. Ich hatte plötzlich größte Mühe, in meinem Haus die Treppen hochzukommen. Das ging nur noch mit extremer Unterstützung der Arme, von den Beinen kam überhaupt nichts mehr.? In der Premier League beim FC Fulham wurde er zur Pause ausgewechselt. Dieses Match am 23. November 2002 sollte sein vorerst letztes bleiben.

"Das waren Horrorgeschichten"

Das alles war Markus Babbel unheimlich. "Zum Glück bin ich gleich zum richtigen Arzt gegangen?, suchte er Professor Haberl vom Krankenhaus in Harlaching auf. Dieser hatte eine niederschmetternde Diagnose: GBS, das Guillain-Barré-Syndrom.

Die Leidenszeit des Markus Babbel begann.

Als seine Krankheit öffentlich wurde, erfuhr der Münchner eine unglaubliche Anteilnahme. Drei-, vierhundert Briefe habe er erhalten. Doch freuen konnte sich der Abwehrrecke darüber wenig. "Als ich die ersten zwei Briefe gelesen hatte, verging mir die Lust weiterzulesen, denn das waren ganz schöne Horrorgeschichten."

Andere GBS-Patienten berichteten von ihren Erlebnissen. Von kompletter Lähmung, von Blutwäsche, davon, nie wieder komplett zu genesen. Der erfolgreiche Fußballer saß im Rollstuhl. Sein Kapital, seine Beine, seine Füße waren außer Gefecht gesetzt.

Ein Bayer im Schwabenländle

Doch Markus Babbel kämpfte. So sollte seine Karriere nicht enden. Er absolvierte ein knochenhartes Reha-Programm. Von Liverpool an die Blackburn Rovers ausgeliehen feierte der Innenverteidiger beim 2:2 an der Stamford Bridge beim FC Chelsea ein überzeugendes Comeback.

Mister Zuverlässig fand zurück zu alter Stärke, sodass der VfB Stuttgart ihn 2004 als Nachfolger für Marcelo Bordon verpflichtete. Zunächst feste Stammkraft minderte sich die Zahl seiner Einsätze. Doch der Münchner war längst der verlängerte Arm von Coach Armin Veh geworden und beendete seine glanzvolle Karriere mit der sensationellen Meisterschaft der Schwaben im Sommer 2007.

"Eigentlich geht es mir doch ganz gut"

Und so schließt sich der Kreis. Als Assistenztrainer übernahm Markus Babbel am 23. November 2008 den Job als Chefcoach bei den Schwaben, exakt sechs Jahre nach der niederschmetternden Diagnose.

Zunächst als Interimslösung gedacht hauchte der ehemalige Verteidiger den Stuttgartern neues Leben ein, ließ begeisternden Offensivfußball spielen und pirschte sich immer nähe an die Spitze heran. Vielleicht kann der VfB ja sein Sommermärchen von 2007 noch einmal wiederholen. (Vereinsseite VfB Stuttgart)

Markus Babbel jedenfalls wird auch als Meistertrainer bescheiden bleiben: "Ich genieße jetzt die Dinge viel mehr. Ich lebe bewusster. Früher hat man ständig gejammert. Jetzt stelle ich fest - eigentlich geht es mir doch ganz gut.? Fußball ist eben nicht das Wichtigste, selbst wenn man am Ende die Schale in der Hand hält.

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