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Voll des Lobes über Lukas Podolski (l.): Bayerns Übergangscoach Jupp Heynckes © imago

Heynckes gibt dem Stürmer alle Freiheiten - und polt die Bayern vor dem Gladbach-Spiel ohnehin gehörig um.

Von Christian Paschwitz

München - Derart ausführlich wurde beim FC Bayern (zur Vereinsseite) wohl noch nie geantwortet, auf die schlichte Frage, wie's denn eigentliche gehe.

Handgestoppte 5:48 Minuten philosophierte Übergangscoach Jupp Heynckes am Vortag der Partie gegen Borussia Mönchengladbach (Sa., ab 15 Uhr LIVE), seinem ersten von gerade mal fünf Löscheinsätzen als Trainer-Feuerwehrmann.

Mit gewohnt geröteten Wangen saß Heynckes also da, sprach davon, wie formidable die Gefühlslage ist, wenige Tage nach dem Rauswurf von Jürgen Klinsmann: "Atmosphäre und Stimmung sind gut."

Im Stile eines Dozenten gab der 63-Jährige beredt Auskunft, was er seit seinem Amtsantritt am Montag alles mit den psychisch "blockierten" Profis geübt hatte: Einwürfe, Eckbälle, Freistöße - das volle Programm des kleinen Fußball-ABC eben.

Neue taktische Ausrichtung

Heynckes, der erfahrene Fußball-Lehrer schlechthin (das Porträt), der den Bayern nach dem Reinfall mit Trainer-Novize Klinsmann nun irgendwie die verkorkste Saison geradebiegen soll. (Diskutieren Sie mit: Rettet Heynckes die Bayern?)

Und der freilich clever genug ist, keine Vergleiche mit seinem Vorgänger zuzulassen. Allenfalls dann, wenn ihm rausrutscht, dass taktische Grundlagen "normalerweise" zum Anfang der Saison gelegt würden.

Auch so ist zu erkennen, dass Heynckes sowohl personell als auch taktisch kräftig an den Knöpfen dreht. Bloß ein Angreifer namens Luca Toni? Das wird es unter Heynckes nicht geben ("Eine Spitze mag ich nicht").

"Poldi" der größte Profiteur

Lukas Podolski darf deshalb schon jetzt als der größte Profiteur des Trainer-Wechsels gelten.

"Er bringt alles mit, um uns noch entscheidend zu helfen", so Heynckes. "Wenn ich so einen linken Fuß gehabt hätte wie Lukas Podolski, hätte ich nicht 220 Bundesliga-Tore gemacht, sondern 500."

Soviel Lob hat der in München gescheiterte und am Saisonende deshalb nach Köln zurückkehrende Nationalspieler zuletzt selten gehört. Mehr noch: Der neue Coach beordert "Poldi" sogar zum Freistoß-Chef, nachdem die Eindrücke im Training "allererste Sahne" gewesen seien.

Auch im Mittelfeld zeichnen sich Veränderungen ab, ließ Heynckes durchblicken, statt mit einer Doppel-Sechs lieber auf eine Raute zu setzen. Hamit Altintop dürfte damit ebenso in die Startelf rutschen.

"Ich halte ihn für einen großen Trainer"

So oder so: Bei den Spielern scheinen Spaß und Motivation zurück. Und anders als zuletzt bei Klinsmann erreicht der Trainer sie. "Jeder Einzelne ist wacher als vorher", findet Philipp Lahm. Der Verteidiger nimmt es Heynckes auch keineswegs krumm, dass der bei Missgefallen selbst scheinbar Banales wie Einwürfe wiederholen lässt. Analysen statt Durchhalteparolen.

"Ich halte ihn für einen großen Trainer, der uns sehr weiterhelfen wird", sagt Lahm. ("Er korrigiert und stimuliert uns") So sehr weiterhelfen, dass am Saisonende vielleicht doch noch der Titel herausspringt?

Auch wenn Heynckes das Wort "Meisterschaft" bewusst vermeidet: Er lässt kaum Zweifel daran, dass er sich mit dem kürzlich ausgegebenen "Platz zwei und direkte Champions-League-Qualifikation" nicht wirklich zufrieden geben wird.

Meisterschaft alles andere als abgehakt

"Ich bin davon überzeugt, dass die Mannschaft den Elan und auch den Drive hat, noch etwas zu erreichen und das auch tun wird", sagt der Coach und liefert noch einen versteckten Hinweis mit.

Denn: Vor dem Duell mit Ex-Klub Gladbach ("Für mich kein Spiel wie jedes andere, aber auf ihre prekäre Situation dürfen wir keine Rücksicht nehmen") lässt Heynckes die Mannschaft wieder vor den Toren Münchens übernachten.

Wie schon während seiner ersten Münchner Amtszeit (1987 bis Oktober 1991). "Im Limmerhof sind schon große Meisterschaften und Pokalsiege vorbereitet worden", sagt Heynckes. "Wir haben die gleiche Stube genommen, das ist ein gutes Omen."

Rückkehr des "Mir-san-Mir-Gefühls"

Das schon verschütt geglaubten "Mir-san-Mir-Gefühl" scheint zu den Bayern zurückkekehrt - dank Heynckes wurde auch Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt als Vereinsarzt reaktiviert.

Heynckes, der gegen die Borussia auf Franck Ribery und Tim Borowski (gesperrt) sowie die verletzten Miroslav Klose, Breno und Michael Rensing verzichten muss, weiß aber genauso, dass die Aufbruchstimmung rasch verfliegen kann: "Entscheidend sind die Ergebnisse."

Mit fünf Siegen könnte Heynckes den drei Punkte vorn liegenden VfL Wolfsburg jedoch nicht nur noch den Titel wegschnappen, sondern sich in München selbst ein Denkmal setzen.

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