Toni Schumacher sieht in seiner Sport1.de-Kolumne schwere Zeiten auf Wolfsburg zukommen - nicht nur wegen Magaths Abgang.

Schnelle, harte, bunte Bundesliga.

Bisher reichten die Ergebnisse am Wochenende um die Fußball-Fans des Landes zu entertainen und tagelang diskutieren und philosophieren zu lassen.

Doch jetzt ist IMMER Bundesliga, jeden Tag, jede Stunde. Ganz Deutschland redet über Fußball und die Gesichter, Menschen, die diese Branche bestimmen und prägen.

Seit Jürgen Klinsmanns K.o. bei Bayern ist Fußball NOCH mehr, noch umfassender DAS Thema Nr. 1. Schweinegrippe, Opel-Übernahme, Politik - alles nichts gegen Fußball.

Siegen, fliegen, rotieren, taktieren. Die Bundesliga ist der Zirkus in Echtzeit. Und demaskiert sich stündlich als härteste und humorloseste Unterhaltungsmaschine überhaupt. In ganz Europa.

Die Klinsmann-Katastrophe.

Hat Jupp Heynckes - ein großer Name deutscher Fußballgeschichte - in nur einer Woche die Klinsi-modernisierten Superstars dank traditionellem Training und altdeutschen Methoden endlich wieder auf Kurs gebracht?

Natürlich nicht.

Das 2:1 gegen Gladbach war ebenso Stückwerk wie die ganze bisherige Bayern-Saison. Holprig, unharmonisch, unsystematisch. Doch am Ende zählt nur: der Titel ist noch drin. Das reicht als Bestätigung aller Maßnahmen.

Der Wolfsburg-Wirbel.

Magath nach Schalke, Hoffenheim auseinandergeschraubt, und endlich ins Titelhorn geblasen. Hereinspaziert in die VW-Manege. Endlich ist nationales Groß-Theater am sonst so beschaulichen Mittel-Landkanal.

Doch eine diskutierte Personalie erschreckt ganz bald die Liga und Nation: Der FC Bayern sucht einen Nachfolger für Uli Hoeneß. Mit Christian Nerlinger ist ein Fußball-Kronprinz schon auserkoren.

Nur hat der noch nicht die Fähigkeiten ein Kicker-Unternehmen mit 300 Millionen Euro Umsatz komplex zu führen. Also soll noch ein Marketing- und Sponsoring-Experte her.

Was hat das mit Wolfsburg zu tun?

Die Bayern haben Stephan Grühsem im Visier! Unbekannt? Wo hat der gespielt?

Grühsem ist Kommunikationschef bei Volkswagen, Aufsichtsrats-Mitglied beim VfL Wolfsburg, Medien-Macher und sponsoring-erfahren.

Er ist der "Ziehsohn" von VW-Boss Prof. Winterkorn, kommt von Audi (Bayern-Partner), ist jung (43) und konzern-geprägt: große Zahlen, große Denke. Genau der Richtige für die großen Bayern-Pläne der Zukunft.

Und schwupp: wird der Titelkampf für Wolfsburg ein Thriller! Auch außerhalb des Rasens.

Nicht auszudenken: Magath stemmt die Schale in die Höhe und der VfL steht schon während der Meisterfeier ohne ein "Morgen" da: kein Trainer, kein Manager, kein Geschäftsführer, kein Macher mehr. Führungslos in die Champions League.

Eigentlich müsste jetzt die neue Saison geplant, gebastelt werden. Geht aber nicht: Ohne Magath keine Planung, keinen Titel. Das wird noch ganz schön heiß in VW-City...

Deshalb hat Ralf Rangnick gleich sein Bewerbungsschreiben in der VW-Arena gelassen: Her mit der Kohle für neue Stars, sonst habe ich die Nase voll vom Fußball-Dorf Hoffenheim.

So schnell geht das. Das schöne Fußball-Märchen aus der Arena in Sinsheim ist nach sechs Monaten zerplatzt. Die Reise kann weiter gehen.

Was zählt ist das Ergebnis. Sofort und immer. Sagt auch Kalle Rummenigge. Sinngemäß: "Wer beim FC Bayern von zweijähriger Aufbau-Zeit träumt, hat den Job Fußball nicht kapiert."

Das gelte übrigens für ganz Europa.

Denn in Barcelona, Turin, Madrid, Manchester und Mailand gibt es nur eine Währung: Siege. Immer.

Die Frage ist nur: wenn das so klar ist, warum hat man dann in München den Gegenkurs vor der Saison so bewusst gewählt? Den Anti-Mailand-Madrid-Manchester-Plan ausgetüftelt?

Eigene, junge Philosophie, moderner Trainer, unternehmerisches Handeln, Titel erarbeiten, nicht bloß kaufen mit Millionen Schulden - wie in Chelsea, Mailand, Manchester.

Es ist völlig gleich, ob jetzt Herr van Gaal kommt oder ein anderer: Die Bayern werden Spieler kaufen, ergebnisorientiert arbeiten, sich mit den Vorbildern im Ausland messen.

In Schalke wird Felix Magath ebenfalls kaufen und basteln ? und sich an den Bayern messen. Der Rest der Liga wird die Schalker angreifen wollen. Der Zirkus geht weiter.

Da lobe ich mir den Abstiegskampf. Da wird nicht lange gefackelt, da zählt sowieso nur das nackte Überleben und Ergebnis. Da gibt es kein "Morgen" ohne die Bundesliga und ohne Tore kein Sieg.

Vom ersten Spieltag an, geht es nicht um Philosophie und Träume, die dann beerdigt werden müssen, wenn der Plan gegen die Wand gefahren ist. Der Plan heißt nur DRINBLEIBEN. Egal wie.

Die Konkurrenz ist der nächste Gegner. Geplant wird später. Nach dem letzten Abpfiff. Für den KSC kommt meiner Meinung nach jede Hilfe zu spät.

Wer Endspiele wie gegen Gladbach und Cottbus zu Hause nicht gewinnt, kann nicht bleiben in der Manege Bundesliga. Der Rest fährt eben weiter rückwärts. Bis einer kippt.

Ich freue mich schon auf die nächste Runde. Und liebe Zirkus.

Bis nächste Woche!Euer Toni Schumacher

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