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Patrick Andersson entschied mit seinem Freistoß 2001 das Titelrennen © getty

Es war die dramatischste Entscheidung aller Zeiten. 2001 feiert Schalke schon den Titel, ehe Bayern doch noch zuschlägt.

Von Nils Reschke

München - Es waren nur vier Minuten. Vier Minuten im Mai 2001, der für den FC Schalke alles andere als zum Wonnemonat wurde.

Vier Minuten, das gesteht Huub Stevens später ein, die sein Leben für immer verändern sollten: "Diese vier Minuten haben mich verändert. Eine solche Erfahrung trägt man ein Leben lang mit sich. Die Schalker Fans haben mich zum Vereinsjubiläum 2004 nicht von ungefähr zum Trainer des Jahrhunderts gewählt."

Und Mike Büskens, einer der Eurofighter vom UEFA-Pokalsieger 1998, verliert noch heute fast die Fassung: "Ich muss immer damit leben, Meister der Herzen zu sein. Nur eben nicht Meister der Bundesliga".

Es war eben das spannendste Bundesliga-Finale aller Zeiten, bei dem die Bayern am 19. Mai 2001 die Schale in die Hände hielten.

Balakov und Zickler drehen die Tabellenspitze

An diese unglaublichen vier Minuten erinnert sich gewiss jeder Fußball-Fan. Was einige aber bestimmt vergessen haben: Die Tragik der Schalker, der Kampfgeist der Münchner, die Ouvertüre zum Herzschlag-Finale fand bereits eine Woche zuvor statt.

Denn während Königsblau in Stuttgart die Nerven versagten, feierte der Rekordmeister seinen Last-Minute-Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern. Carsten Jancker hatte das frühe 0:1 durch Lokvenc nach der Pause ausgeglichen.

Zu mehr reichte es nicht. Hitzfeld zog seinen letzten Joker, brachte Alexander Zickler. Der benötigte gerade einmal eine einzige Szene, um sich unsterblich zu machen. Nach seinem entschlossenen Solo jagte er das Leder mit aller Willenskraft unhaltbar in die Maschen.

Fast auf die Sekunde genau zur selben Zeit in Stuttgart schockte Krassimir Balakov die "Knappen" mit seinem 1:0. Der FC Bayern war Tabellenführer!

"HSV, ich liebe euch"

Alles war also angerichtet für das sensationelle Finale, nachdem es jedoch lange Zeit überhaupt nicht aussah. Nicht nur, weil die Bayern das 0:0 in Hamburg hielten, diesen einen Punkt, der noch zum Titel fehlte.

Aber auch, da Schalke gegen Unterhaching schnell 0:2 im Hintertreffen lag, nach der Pause erneute einen Rückschlag zum 2:3 hinnehmen musste. Erst jetzt erwachten die Königsblauen, und Jörg Böhme brachte S04 mit seinem Doppelpack binnen nur einer Minute erstmals in Front.

Ein Tor also fehlte ? allerdings in Hamburg, für den HSV. "Und da ist es passiert", krächzte Reporter Marcel Reif ins Mikrofon, als Sergej Barbarez die Flanke von Marek Heinz in der Schlussminute einnickt.

Schalke ist Deutscher Meister! Gelsenkirchen feiert seine Helden! Die ersten Fans stürmen den Rasen des Parkstadions und Manager Andreas Müller ? gekleidet im Hamburger Trikot ? gibt das erste Interview: "HSV, ich liebe euch."

Andersson trifft Schalkes Herz

Dann der erste Schock: In Hamburg wird noch gespielt. Zuerst registriert man in Gelsenkirchen nicht, dass es Livebilder sind, die da über die Videotafel flackern. Oliver Kahn schnappt sich die Kugel aus dem Netz, weiß: Dieses Spiel hier ist noch nicht vorbei.

Der "Titan" rüttelt seine Kameraden wach. Brüllt alles nach vorne. Der FC Bayern drückt ein letztes Mal auf die Tube und erzwingt einen indirekten Freistoß, als Mathias Schober einen vermeintlichen Rückpass aufnimmt.

Kahn ist immer noch außer Rand und Band, will den Ball am liebsten selbst ins Tor jagen, wird dann aber von Stefan Effenberg energisch vom Ort des Geschehens verbannt.

"Da ist das Ding"

In Gelsenkirchen schauen alle fast wie in Trance auf die Videowand. Huub Stevens hat sich mit Youri Mulder in sein Büro verschanzt, kann nicht glauben, dass das Spiel in Hamburg noch läuft.

Dort legt Effenberg kurz für Patrick Andersson auf, der die Kugel vorbei an Freund und Feind in die Maschen drischt. Oliver Kahn rennt wie von der Tarantel gestochen zur Eckfahne und traktiert diese, wirbelt sie wild durch die Luft.

Auf Schalke fließen jetzt die Tränen. Fassungslose Gesichter. Eine Stadt in Trauerstimmung, geschlagen von einer Mannschaft, die Kämpferherz bewiesen hat und sich nicht aufgab.

"Das war der reine Wahnsinn", erzählt Stefan Effenberg noch heute. "Ein Gefühl, das kann man nicht beschreiben", kann es auch Meistertrainer Ottmar Hitzfeld kaum glauben.

Einige Minuten später hat Oliver Kahn die Eckfahne gegen die hässlichste Salatschüssel der Welt getauscht und das Bundesliga-Drama von 2001 beendet: "Da ist das Ding! Da ist das Ding!" Schalke war Meister der Herzen, Bayern Meister mit Kämpferherz.

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