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Doch der Fall vom Helden zum Sündenbock dauert im Fußball-Geschäft oft nicht lange. Einen Spieltag vor Saisonende entlässt die Arminia ihren Trainer
Von Finanzchef Roland Kentsch (l.) erntete Michael Frontzeck Kritik für seine Taktik © getty

Mit der Trainer-Entlassung schreibt Bielefeld unrühmliche Liga-Geschichte. Dammeier hilft wohl vorerst aus, kommt Rappolder?

Von Christian Paschwitz

München - Es wirkt wie eine Panik-Attacke. So als müsse man einen Spieltag vor Saison-Toreschluss bei Arminia Bielfeld aus purem Aktionismus reagieren.

Als erster Klub in der Geschichte der Bundesliga versucht Arminia Bielefeld (zur Vereinsseite), durch einen Trainerwechsel am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt zu schaffen.

Nur wenige Stunden waren verstrichen nach der 0:6-Blamage gegen Borussia Dortmund, da zogen die Ostwestfalen die vermeintliche Notbremse und trennten sich von Michael Frontzeck. (EINWURF: Eigentor zur Unzeit)

Einen derart ungewöhnlichen Zeitpunkt eines Rauswurfs hatte es bisher nur einmal im Oberhaus gegeben:

Am 30. Mai 1967 feuerte Rot-Weiß Essen - damals allerdings bereits feststehender Absteiger - Fritz Pliska nach 33 Spieltagen.

Dammeier will Mannschaft "Impuls geben"

"Wir haben nach dem Dortmund-Spiel die letzten Wochen analysiert, letztlich haben wir nicht genug gepunktet", sagte Sportchef Detlev Dammeier im Gespräch mit Sport1.de.

"Mit dieser Entscheidung wollen wir noch mal einen neuen Impuls geben für das letzte Spiel und die hoffentlich danach folgende Relegation." Man wolle die Mannschaft nun noch mehr in die Pflicht nehmen.

Je unverständlicher der Beschluss auf neutrale Beobachter wirkt, umso weniger kommt er für die Bielefelder Klubspitze einem überraschenden Schnellschuss gleich - aus ihrer Sicht nicht mal für Frontzeck selbst.

"Der Trainer ist natürlich enttäuscht, weil er die Saison bis zum Ende durchziehen wollte und er der vollen Überzeugung war, das letzte Spiel zu gewinnen", so Dammeier weiter bei Sport1.de.

Rauswurf für die Klub-Bosse "keine Überraschung"

"Aber auch er hat natürlich gemerkt, dass es in den letzten Wochen Unzufriedenheit gab aufgrund der Ergebnisse. Und von daher ist es dann auch keine Überraschung."

Der sichtlich gezeichnete Frontzeck wiederum kommentierte den Vorgang diplomatisch, verzichtete darauf, allzu viele Einblicke in die persönliche Gemütslage zu geben:

"Es ist sicher nicht gerade üblich, dass man am 33. Spieltag entlassen wird. Aber Fußball ist ein Punktegeschäft, diese Entscheidung kam für mich nicht überraschend", meinte der 45-Jährige.

"Schade, dass wir den letzten Weg nicht gemeinsam gegangen sind. Die Mannschaft hat alle Chancen, es zu schaffen. Aber es ist müßig darüber nachzudenken, ob sie es auch unter meiner Regie geschafft hätte."

Taktische Vorwürfe von Kentsch

Arminias Finanz-Geschäftsführer Roland Kentsch hatte Frontzeck unmittelbar nach dem 0:6 taktische Fehler angekreidet: "Ich frage mich, ob man bei 0:4 einen Stürmer einwechseln muss."

Und weiter: "Wir sind auseinandergenommen worden, das habe ich in einer solch krassen Form noch nicht erlebt. Mit der Einwechslung eines Verteidigers hätte man das Desaster verhindern können." (SPIELBERICHT: Dortmund - Bielefeld)

Doch auch bei einer moderateren Niederlage hätte sich nichts daran geändert, dass Bielefeld nun eine kniffliges Saisonfinale ins Haus steht und der siebte Bundesliga-Abschied droht. (Der Sport1.de-Tabellenrechner)

Dammeier wohl Interimslösung

Noch ist offen, wer das Team nun beim Showdown gegen Hannover 96 und möglicherweise in den beiden Relegationsspielen betreuen soll.

Spätestens zum Training am Dienstag soll ein Name präsentiert werden. Gehandelt wird dabei auch der Koblenzer Uwe Rapolder, der die Arminia 2004 zum Erstliga-Aufstieg führte.

Viel spricht aber dafür, dass Dammeier wie schon im Dezember 2007 übergangsweise das Kommando übernimmt.

"Dass ich mich auf die Bank setze, ist auch eine Option. Da würde ich mich in den Dienst des Vereins stellen", sagte der 40-Jährige Sport1.de.

"Es gibt für die Nachfolger-Entscheidung keine Deadline. Es gibt verschiedene Optionen: Entweder wir finden einen Nachfolger nur noch bis Saisonende, also für eine eine Partie oder drei, wobei ich an drei Spiele glaube."

"Oder es läuft von vornherein auf jemanden hinaus, der es auch kommende Saison macht."

Kapitän Kauf attackiert die Führung

In der Mannschaft stößt Frontzecks Entlassung unterdessen auf Unverständnis.

Kapitän Rüdiger Kauf attackierte gar die gesamte Kub-Führung: "Auch die oberen Leute von Arminia sollten sich mal an die eigene Nase fassen."

Mit schwingt dabei auch der Vorwurf, dass im Winter kein neuer Stürmer verpflichtet wurde: "Personell ist in den letzten fünf Jahren nichts passiert."

Nur ein Sieg über Hannover bewahrt die Ostwestfalen sicher vor dem direkten Absturz. Bleibt sie auf dem 16. Rang, könnte sie über die beiden Relegationsspiele die Klasse halten.

Die Chancen auf eine Rettung schon am letzten Spieltag sind gering: Immerhin weist der Tabellen-15. aus Mönchengladbach drei Punkte mehr und das bessere Torverhältnis auf.

Rauswurf Nummer fünf

Frontzeck ist nach Jos Luhukay (Mönchengladbach), Armin Veh (Stuttgart), Fred Rutten (Schalke) und Jürgen Klinsmann (Bayern) der fünfte Trainer, der in dieser Bundesliga-Saison vorzeitig seinen Stuhl räumen musste.

Ironie des Schicksals: Wie schon bei Vorgänger Ernst Middendorp hatte eine deutliche Niederlage in Dortmund die Trennung bewirkt.

Middendorp war nach einem 1:6 bei der Borussia im Dezember 2007 gefeuert worden, Dammeier übernahm für die letzte Partie bis zur Winterpause (2:0 gegen Stuttgart).

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