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Felix Magath war von 2004 bis 2007 Bayern-Trainer unter Manager Uli Hoeneß (l.) © getty

Taktieren im Titel-Finish: Während Stuttgart plötzlich trommelt, backt Wolfsburg auf einmal kleine Brötchen. Auch Bayern stapelt tief.

Von Christian Paschwitz

München - Für die Experten ist die Sache eigentlich klar. Die Protagonisten aber heizen den Meisterschafts-Schlussakt noch mal an. Allerdings auf ganz unterschiedliche Weise.

Während der VfB Stuttgart nämlich plötzlich große Töne spuckt, geben sich die Bayern entgegen ihrem Naturell fast kleinlaut vor dem Saison-Showdown im Titel-Fernduell am Samstag (15 Uhr LIVE): "Es ist gelaufen", sagt Präsident Franz Beckenbauer.

Und beim Spitzenreiter VfL Wolfsburg traut man beiden nicht über den Weg - und backt auf einmal ebenso wieder kleine Brötchen. Auch wenn die "Wölfe" im Titelkampf die besten Karten haben.

Euphorie im "Ländle"

Trotzdem sagt Trainer Felix Magath: "Ich bin schon zu lange dabei, um nicht schon oft genug erlebt zu haben, dass man vorher schon gefeiert hat und hinterher geweint. Ich will mir das Weinen ersparen. Ich will mir das Weinen ersparen."

Es wird nicht das letzte Sprücheklopfen und Taktieren der Klubs gewesen zu sein.

Im Stuttgarter Lager scheint die Euphorie vor dem alles entscheidenden Südgipfel gegen die Bayern dafür durchs Dach zu schießen.

"Wir gewinnen 2:1", kündigte Mario Gomez für das Saison-Finale den großen Coup an. "Die Champions League haben wir dann sicher, vielleicht werden wir sogar Meister. Wir hoffen, dass Bremen in Wolfsburg gewinnt."

Kapitän Thomas Hitzlsperger meint nach dem 2:0 über Cottbus (zum NACHBERICHT) obendrein: "Wir können noch vieles erreichen, die Situation spürt jeder."

Babbel spricht vom "Unmöglichen"

Und anders als VfB-Manager Horst Held ("Wolfsburg kann man schon zur Meisterschaft gratulieren") lehnt sich selbst Teamchef Markus Babbel weit aus dem Fenster nach dem Vorstoß auf Rang drei: "Wir versuchen, in München das Unmögliche möglich zu machen."

In der Vergangenheit machten es die Stuttgarter ohnehin immer auf den letzten Drücker: Die letzten drei Meistertitel (1984, '92 und 2007) gelangen stets erst am letzten Spieltag.

Der VfL Wolfsburg schickt dagegen auf einmal wesentlich dezentere Töne an die Konkurerenz:

Dabei hatte "Wölfe"-Trainer Felix Magath nach der 5:0-Gala gegen Hannover 96 (zum Artikel: Ganz Wolfsburg lacht sich ins Fäustchen) noch getönt: "Wir können uns nur noch selbst aufhalten."

"Bin immer noch am Lutschen"

Nun jedoch rudert der 55-Jährige zurück: In Anspielung an seinen Vorwochenspruch ("Noch zwei Siege, dann ist der Drops gelutscht") warnt Magath.

"Ich kann nur sagen, dass ich immer noch am Lutschen bin. Das ist jetzt die größte Gefahr, dass einige glauben, die Meisterschaft wäre schon unter Dach und Fach."

Ist es nur psychologisches Gehabe oder berechtigter Einwand, weil der Titel rechnerisch schließlich tatsächlich noch flöten gehen kann?

Sollte Wolfsburg nämlich gegen Werder Bremen verlieren und das Verfolger-Duell zwischen den punktgleichen Bayern und Stuttgart (zwei Zähler hinter dem VfL) einen Sieger hervorbringen.

Heldt gratuliert schon mal

Die Wahrheit dürfte irgendwo dazwischen liegen.

Da passt es auch, dass der Fußball-Lehrer Magath und Bald-Schalker vorzeitige Glückwünsche nicht unbedingt als ehrlich gemeint empfindet.

Denn zum Vorstoß von Stuttgarts Manager Horst Heldt, der am Samstag schon zur Schale gratulierte, meint Magath: "Ich habe auch schon einige Male gratuliert, und während ich das getan habe, gehofft, dass das verfrüht war."

Rummenigge stapelt tief

Getreu dem Motto: Die Gegenseite verbal in Sicherheit wiegen - und dann vielleicht doch noch vorbeiziehen.

So denkt man womöglich auch bei den Bayern: Gefühlt hat der noch amtierende Titelträger durch das 2:2 bei 1899 Hoffenheim die Chance auf den Titel verspielt. (zum Nachbericht)

Die Münchner müssen vor dem Finale gegen Stuttgart sogar um die Teilnahme an der Champions League fürchten.

"Wolfsburg wird sich das nicht mehr nehmen lassen", sagt Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge deshalb.

Hoeneß zückt zückt grüne Karte

In die gleiche Kerbe schlägt Manager Uli Hoeneß ("Wolfsburg hat alle Karten in der Hand. Unsere Chancen liegen bei drei bis fünf Prozent").

Im "Sportstudio" war das Publikum in der Meisterfrage zur Akklamation per Karte aufgerufen: Grün für Wolfsburg, Rot für Bayern. Weiß für den VfB Stuttgart. Und sogar Hoeneß zückte Grün, so als wedelte er mit weißer Flagge.

Wer das Selbstverständnis an der Isar kennt, darf jedoch mutmaßen, dass Bayern endgültig erst dann kapituliert, wenn die letzte Schlacht geschlagen ist.

Nur Hertha ist wirklich raus

Endgültig abhaken muss den Titeltraum dagegen Hertha BSC nach dem enttäuschenden 0:0 gegen Schalke.

Der Stachel der Enttäuschung sitzt tief, die große Chance vergeben zu haben, erstmals nach 78 Jahren die Schale wieder nach Berlin zu holen. Manager Dieter Hoeneß ("Ich bin maßlos enttäuscht. Das ist wohl eine Kopfgeschichte") ließ seiner darüber Wut freien Lauf, indem er gegen die Auswechselbank trat.

Nicht auszuschließen, dass es auf den anderen Plätzen am Samstag ähnliche Szenen gibt.

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