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Trainer Martin Jol kritisiert, dass der HSV "nicht breit genug augestellt" ist © getty

Drei Titel verspielt: Das HSV-Drama hinterlässt Spuren. Jol schießt gegen die Klubspitze. Die stoppt die Vertragsverhandlungen mit dem Coach.

Von Christian Paschwitz

München - Es wird schon mehr nötig sein als gewöhnliches Wunden-Lecken.

Die Niederschläge des Hamburger SV auf der Saison-Zielgeraden bedürfen bei Mannschaft und Klubführung wohl eher einer psychologischen Intensivbetreuung.

Gleich nach drei Titeln hatte der HSV seine Fühler ausgestreckt, alle drei verspielte er.

"Das Trauma dieser 19 Tage gegen Werder Bremen ist aus der Geschichte des HSV nicht mehr zu tilgen", sagt Klubchef Bernd Hoffmann. "In meiner gesamten beruflichen Karriere hat mich noch nie etwas so sehr getroffen."

Meisterschaft, DFB-Pokal und UEFA-Cup sind futsch, jetzt drohen die Hanseaten auch noch den lange sicher geglaubten Platz im internationalen Geschäft zu verspielen.

HSV wie in einem "Horrorfilm"

Weil zur Demütigung in den Spielen gegen Werder Bremen nun eine 0:1-Pleite gegen den 1. FC Köln dazukam. "Wir haben die ganze Saison weggeworfen. Eine Katastrophe", sagt Collin Benjamin dazu im "kicker", während Trainer Martin Jol die Situation gar als "Horrorfilm" empfindet.

In Wahrheit greift der Hamburger Albtraum aber noch viel weiter, als bloß ein bedauerliches Abbild der Gegenwart zu sein.

Das jetzige Saison-Trauma steht vielmehr für ein eklatantes Mentalitäts-Problem. Denn schon zum dritten Mal nach 2006 und 2008 ereilte die Hanseaten der Crash erst im Endspurt.

Das fehlende Titel-Gen

Das fehlende Titel-Gen zieht sich wie ein roter Faden durch die jüngere Klubgeschichte.

"Wir haben in den letzten Jahren vieles aufgebaut, aber immer in den entscheidenden Momenten gepatzt", bekennt im "Hamburger Abendblatt" denn auch Hoffmann bestürzt.

Und weiter: "Die Frage, warum uns der entscheidende Schritt nicht gelungen ist, müssen wir uns stellen."

Kein Ersatz für Van der Vaart und Co.

Bei dem Versuch, die tragische Spielzeit aufzuarbeiten, scheinen Jol und sein kickendes Personal allerdings schon ein Stück weiter als der Klubchef.

"Man kann nicht für 42 Millionen Euro Spieler verkaufen und dann hoffen, dass man Meister wird", sagt Jol, übt damit erstmals auch öffentlich Kritik an der eigenen Führungscrew.

Man habe am Ende gesehen, "dass wir nicht breit genug aufgestellt waren", ergänzt der Niederländer und verweist auf die abgegebenen Rafael van der Vaart (Real), Vincent Kompany und Nigel de Jong (beide Manchester City).

Wie schon bei früheren Verkäufen (Daniel van Buyten, Khalid Boulahrouz) versäumten es die Klubgranden in der Tat, adäquaten Ersatz zu verpflichten - und dabei vielleicht auch etwas mehr zu investieren.

Der Akku ist leer

Denn: Mickael Tavares, Tomas Rincon, Michael Gravgaard, Marcel Ndjeng, Khalid Sinouh sowie Albert Streit wurden in der Winterpause zusammen für weniger als zwei Millionen Euro geholt. Die Qualität hoben sie indes nicht.

Das monieren auch die Spielerkollegen. "Wir spielen seit Januar englische Wochen. Nun ist der Akku leer", sagt Marcel Jansen. "Es fehlt die Kraft, wenn dir immer wieder Säulen wegbrechen."

Dass Jol deshalb motzt und Verstärkungen fordert, liegt auf der Hand. Dass der Niederländer intern selbst in die Schusslinie gerät, ebenso.

"Nach zehn neuen Spielern zu rufen, halte ich für nicht angebracht", polterte Sportchef Dietmar Beiersdorfer zurück.

Wiedergutmachung gegen Frankfurt?

Prompt wurden auch die angestrebte Vertragsverlängerung mit Jol über 2010 hinaus auf Eis gelegt. Das kürzlich noch so harmonisch wirkende Verhältnis zwischen Trainer und Klub-Spitze ist getrübt.

Oberflächliche Versöhnung gelingen kann vielleicht am Samstag (ab 15 Uhr LIVE ), wenn doch noch die Qualifikation für die Europa League glückt. (Der Sport1.de-Tabellenrechner)

Einen Sieg in Frankfurt und einen Strauchler von Direktkonkurrent Dortmund (in Gladbach) vorausgesetzt.

Um eine nachhaltige Analyse wird der HSV damit aber keineswegs herumkommen. Schließlich ist es nicht die erste unvollendete Saison.

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