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Der Held des Spiels, Torhüter Rüdiger Vollborn, feiert mit einem Mitspieler © imago

Von "Grauen Mäusen" zu Europacup-Helden: 1988 feiert Leverkusen mit dem UEFA-Cup-Sieg den größten Erfolg der Klubgeschichte.

Von Nils Reschke

München - Auf der Fußball-Landkarte wurde von Leverkusen bis zu jenem Tag kaum Notiz genommen.

Bayer 04, das war die biedere Werkself, eine "Graue Maus" in der Bundesliga, noch ohne jeglichen Titel.

Das alles sollte sich fast auf den Tag genau vor 21 Jahren ändern. Unvergessen die Szene, als der damalige Torwart Rüdiger Vollborn wild mit seinen Armen rudert, den Elfmeterschützen tief in die Augen blickt.

Der 18. Mai 1988 wird zum Albtraum für Espanyol Barcelona, die stolzen Katalanen, die das Rückspiel des UEFA-Cup-Finals freilich ein wenig zu sehr auf die leichte Schulter genommen hatten.

Explosive Stimmung

"Zugabe!", brüllen die Fans. 22.000, mehr passen nicht ins Ulrich-Haberland-Stadion, wo gerade das 2:0 gefallen war.

Das kleine Rund droht einzubrechen, die Stimmung ist explosiv. Auf dem Rasen stehen elf ratlose Espanyol-Spieler fast eingeschüchtert ? und ergeben sich ihrem Schicksal.

Gegen diese Willenskraft hatten die Spanier nichts mehr auszusetzen. Damit hatte das Team von Trainer Javier Clemente gewiss nicht gerechnet. Doch Bayer Leverkusen hatte seine Mission längst noch nicht erfüllt.

Fiasko im Finale Nummer eins

Rückblende: Am 4. Mai 1988 scheint Espanyol den Grundstein für seinen UEFA-Cup-Triumph zu legen.

Nachdem Losada direkt mit dem Pausenpfiff trifft, erhöhen Soler und abermals Losada binnen nur elf Minuten nach dem Wiederanpfiff auf 3:0. Den "Pott", das denken wohl nicht nur die Bayer-Profis im Estadio Sarria, hatten sie hier und heute verloren.

Doch als die müden Helden tags darauf in die Umkleidekabine kommen, hängt dort der ominöse Zettel. "Noch 13 Tage" läutete dieser den Countdown ein.

Je näher das große Match rückte, jenes Rückspiel, in dem man alles noch umbiegen konnte, desto größer wurde auch die Hoffnung: Wir packen das! 92318(Diashow: Deutsche Europacup-Wunder)

Titas Tor zählt nicht

Doch die erste Hälfte war alles andere als ein Fußball-Wunder. Spielerisch hatte das zweite UEFA-Cup-Endspiel wenig zu bieten.

Espanyol rührte Beton an, Bayer fand keine Lücken in der vielbeinigen Abwehr der Spanier.

Das brasilianische Schlitzohr Tita versuchte deswegen in Manni-Burgsmüller-Manier, Espanyol-Keeper Thomas N´Kono den Ball per Kopf aus dessen Händen zu spitzeln.

Schiedsrichter Jan Keizer gab den Treffer nicht. Aber die Fans glaubten noch an die Sensation, verabschiedeten die Bayer-Elf mit frenetischen Beifall und einem torlosen Remis in die Pause.

Leverkusen in Ekstase, Espanyol geschockt

Selbst Trainer Erich Ribbeck ist ein wenig ratlos ob des spanischen Abwehrriegels: "Lasst uns das Spiel wenigstens für unsere Fans gewinnen", munterte er seine Schützlinge auf.

Und als die Europapokal-Helden den Rasen wieder betraten, nahm der Wahnsinn seinen Lauf.

Es lief die 56. Minute, als Herbert Waas, der 45 Minuten auf der Bank geschmort hatte, das Leder über außen mit letztem Einsatz in die Mitte brachte. Tita stocherte den Ball irgendwie über die Linie, Haberland tobte.

Bis zur 63. Minute. Dann stand alles Kopf ? im wahrsten Sinne des Wortes, denn Falko Götz hatte sich per Flugkopfball in die Flanke von Knut Reinhardt gehechtet. 2:0!

Espanyol taumelte, wehrte sich mit wackelnden Beinen gegen den dritten Treffer, der eine Verlängerung bedeuten würde. Bis zur 82. Minute ging das gut, dann versetzte Bum-Kun Cha nach einem Freistoß von Andrzej Buncol Leverkusen endgültig in Ekstase.

Bayer hatte tatsächlich das 0:3 im Hinspiel wettgemacht.

Vollborn macht die "Windmühle"

Der Rest ist bekannt. In der Verlängerung passierte nicht mehr viel, im Elfmeterschießen versagten Ralf Falkenmayer die Nerven, sodass Bayer nochmals 0:2 im Hintertreffen lag.

Doch dann folgte der große Auftritt von Rüdiger Vollborn, der "Windmühle" im Bayer-Tor. Später einmal bekundete der Torwart: "Dieser 18. Mai 1988 war der schönste Tag in meinem Leben."

Und warum das so kam, daran hatte Vollborn höchstpersönlich den Hauptanteil im Nervenkrimi in Haberland. Nachdem Utquiaga nur die Latte getroffen hatte, war alles wieder offen.

Zuniga schritt an den Punkt, Vollborn wackelte mit den Hüften, breitete seine "Pranken" auf, wedelte mit den Armen ? und blieb stehen. Pech für Zuniga, der genau in die Mitte schoss. Gehalten!

Jetzt war der UEFA-Cup zum Greifen nah. Denn Wolfgang Rolff, Herbert Waas und Klaus Täuber hatten keine Nerven vom Punkt gezeigt.

Also noch einmal dieses Ritual, als Sebastian Losada, der noch im Hinspiel Espanyol auf die Siegerstraße geschossen hatte, Anlauf nahm. Barcelonas Torjäger jagte die Kugel wie einst Uli Hoeneß im EM-Finale mit aller Wucht in die Nacht von Leverkusen.

Und das Haberland-Stadion hatte soeben ein Fußball-Märchen erlebt, von dem sie bis heute in Leverkusen noch erzählen. Bayer 04, die "graue Maus", hatte soeben den UEFA-Cup gewonnen.

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