Sport1.de-Redakteur Jürgen Blöhs war bei den Titelfeiern in Wolfsburg mittendrin und erlebte Spieler und Fans außer Rand und Band.

Mit den Fans in überfüllten Nahverkehrszügen bin ich angereist, wollte den größten Tag in der Geschichte der Stadt Wolfsburg von Anfang bis Ende live mittendrin erleben.

Und war nicht der Einzige: Die Züge waren hoffnungslos überfüllt, Grün-weiß gekleidete Menschen blieben auf den Bahnsteigen zurück.

Wer keine Eintrittskarte hatte, wollte das entscheidende Spiel gegen Werder Bremen auf den Großbildleinwänden verfolgen und am Ende die Helden vor dem Rathaus feiern.

Auf 120.000 schätzt die Polizei die Menge der Feiernden, so viele wie die 1938 gegründete Schlafstadt für Mitarbeiter des VW-Werks in der niedersächsischen Provinz Einwohner hat.

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Die ansonsten betongraue Retortenstadt hüllte sich in Grün-weiß. Kaum einer, der nicht in den Farben des Vereins unterwegs war. Der Stimmung konnte sich schon vor dem Spiel niemand entziehen.

Und nach Abpfiff von Schiedsrichter Torsten Kinhöfer brachen alle Dämme, aus der Nordkurve kletterten die Anhänger über die Absperrungen.

Und da war sie plötzlich, meine Erinnerung das Meisterschafts-Finale 1978/79.

In Fanblock E in der Ostkurve musste ich hilflos mit ansehen, wie HSV-Anhänger beim Stürmen des Spielfelds an den Zäunen beinahe zu Tode gequetscht wurden. 71 Schwerverletzte gabe es damals. Nach Feiern war niemand mehr zumute.

Doch in der VW-Arena gab es zum Glück keine Verletzten. Alles blieb friedlich, auch als später Zehntausende keinen Platz vor dem Rathaus fanden.

Es war eine Meisterschaft zum Anfassen, denn die euphorisierten Spieler ließen sich von jedem Fan umarmen und sprangen selber immer wieder in die Menge.

Die Anhänger feierten sich, ihre Helden und die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte in der ganzen Stadt.

"Ich bin seit 15 Jahren VfL-Fan. Ich hätte nie gedacht, dass ich das erleben darf", schämte sich ein 26-jähriger seiner Tränen nicht. "Heute sind hier alle 'Wölfe'".

Sogar die Anhänger von Werder Bremen:

"Natürlich hätte ich mir ein spannendes Spiel mit einem 3:3 gewünscht, aber auch mit der Pleite kann ich leben - Hauptsache Bayern ist nicht Meister", so ein Werder-Fan, der in seinem Outfit bestens ins Stadtbild passte und sich im Freudentaumel der friedlich feiernden Massen treiben ließ.

Grün-weißer Wahnsinn überall - es schien als sei die durch den Mittellandkanal geteilte Stadt, in der 50.000 VW-Mitarbeiter leben, aus einem Dornröschenschlaf erwacht.

"So stolz war ich nicht einmal, als der millionste 'Käfer' vom Band lief", sagte eine 78-Jährige Sport1.de. "Im Stadion war ich noch nie, und eigentlich kenne ich auch nur den Herrn Magath. Aber heute werde ich die Jungs feiern. Ist das nicht wunderschön?"

"Für Wolfsburg ist es erfrischend, dass wir nicht mehr nur für gute Autos bekannt sind", freute sich auch Brauer Hartmut Gerdemann, der nach dem 5:1 über den FC Bayern ein "Meisterbräu 2009" ins Programm nahm und kräftig Freibier ausschenkte.

Auch ich bekam mein Bier ? und es war nicht das erste und nicht das letzte ?auf der größten Partie, die Wolfsburg je erlebt hat?.

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