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Horst Becker wurde im Januar diesen Jahres als Vorsitzender des HSV-Aufsichtsrats bestätigt © imago

Aufsichtsratschef Horst Becker erklärt im Interview, wie der HSV den überraschenden Abschied von Martin Jol kompensieren will.

Von Mathias Frohnapfel

München/Hamburg - Der Hamburger SV muss auf Trainersuche gehen. Von jetzt auf gleich.

Der rasche Abschied von Martin Jol in Richtung Ajax Amsterdam (Konzept wichtiger als der Trainer) hat die Hamburger extrem überrascht, wie Aufsichtsratschef Horst Becker im Gespräch mit Sport1.de gesteht.

Im Interview spricht Becker über die Forderungen des Ex-Trainers, Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer und darüber, wie nun am besten ein neuer Trainer gefunden werden soll. Zudem nennt er einen finanziellen Rahmen für die Spielereinkäufe.

Sport1.de: Herr Becker, hatte sich eigentlich der Abschied von Trainer Martin Jol schon zuvor auf irgendeine Art angedeutet?

Horst Becker: Das hat sich gar nicht angedeutet. Wir haben davon am Montagabend erfahren anlässlich der Aufsichtsratssitzung und waren sehr überrascht. (Sport1.de-Einwurf: Der fliehende Holländer)

Sport1.de: Gab es eine Vorahnung, etwa nach den verlorenen Halbfinals im DFB-Pokal bzw. UEFA-Cup gegen Werder Bremen?

Becker: Nein, gar nicht. Sicherlich hat Martin Jol immer Verstärkungen gefordert. Aber das ist auch sein gutes Recht als Trainer. Er hat bewusst gesagt, er möchte am liebsten die oberste Schublade haben. Dass er am Donnerstag in Amsterdam verhandelt, am Samstag mit uns noch feiert und uns am Montag dann seinen Entschluss durch Berater mitteilen lässt, das fanden wir nicht gut.

Sport1.de: Da schwingt eine gewisse Enttäuschung mit.

Becker: Bei mir persönlich auf jeden Fall.

Sport1.de: Martin Jol hat vor einiger Zeit gesagt, man kann nicht für 42 Millionen Euro Spieler verkaufen und dann noch auf die Meisterschaft hoffen. War das ein Seitenhieb auf die Klubführung?

Becker: Das kann man vielleicht so sehen. Aber man darf nicht vergessen, dass wir zu Beginn der Saison nicht unerheblich investiert haben. Wir haben Jansen gekauft, die beiden Brasilianer Alex Silva und Thiago Neves. Das hat ja auch richtig Geld gekostet.

Sport1.de: Sie haben Dietmar Beiersdorfer unterstützt und gesagt, er soll Sportdirektor bleiben. Sie sind demnach mit seiner Arbeit zufrieden?

Becker: Ja, wir sind zufrieden. Wenn wir Kritik üben müssten, würden wir es intern tun, nicht in der Öffentlichkeit. Es gab auch in der vergangenen Saison einiges zu besprechen, das haben wir auch getan. Aber er stand doch nicht zur Disposition.

Sport1.de: Martin Jol hätte dem Vernehmen nach gern mehr Kompetenzen gehabt, zugleich als Trainer und Sportdirektor gearbeitet.

Becker: Darüber wurde nie ernsthaft diskutiert. Es ist ja das Modell, das es in England gibt. Aber wir sind nach wie vor ein sehr großer Universalsportverein, da geht das gar nicht. Wir hätten nicht Dietmar Beiersdorfer geopfert für mehr Kompetenzen des Trainers.

Sport1.de: Zuletzt wurde immer wieder die Zahl von 14 Millionen Euro für neue Investitionen auf dem Transfermarkt genannt. Können Sie dazu etwas sagen?

Becker: Es können über zehn Millionen sein, ob es dann 12, 14 oder 16, 17 sind, hängt von den Spielern ab.

Sport1.de: Sind Sie unter Zeitdruck, was die Suche nach einem neuen Trainer anbetrifft?

Becker: Unter einem gewissen Zeitdruck sind wir schon. Die neue Saison beginnt am 1. Juli. Der neue Trainer sollte noch möglichst eingebunden werden in Spielertransfers. Insofern ist man unter Zeitdruck, aber nicht so, dass man Holterdipolter etwas machen muss. Ein bisschen Zeit muss man uns schon geben.

Sport1.de: In der vergangenen Spielzeit gab es richtiggehende Dossiers, die man nun, wie es heißt, nur aus der Schublade ziehen muss. Stimmt das?

Becker: Bei der Trainerfindung im vergangenen Jahr hat man sehr viele Profile erstellt und sich mit sehr vielen Trainern beschäftigt, insofern ist es einfacher. Das Profil des Trainers, ob er gut oder schlecht ist, stellt sich aber immer erst nach einem halben oder dreiviertel Jahr heraus, wenn nämlich Erfolg da ist oder nicht. Da kann man vorher noch so viel überlegen und Maßstäbe anlegen. Man muss jedoch seine Schulaufgaben machen.

Sport1.de: Als Kandidaten werden Mirko Slomka und Bruno Labbadia genannt. (zum Artikel: Jol-Abgang zu Ajax perfekt - kommt Slomka?)

Becker: Zu Namen möchte ich gar nichts sagen. Die üblichen Verdächtigen stehen jetzt überall auf der Liste, da sollten wir mal in Ruhe abwarten, was der Vorstand uns präsentieren wird.

Sport1.de: Wird dem neuen Trainer von Anfang das HSV-Konzept nahegelegt? Und wird er hinsichtlich der Transfers größeres Risiko eingehen dürfen als Martin Jol?

Becker: Wenn ein Trainer bei uns anfängt, wird er sich ja vorher erkundigen, was möglich ist und wie die Strategie aussieht. Das werden wir auch gemeinsam mit ihm besprechen. Aber das ist auch mit Martin Jol und anderen Trainer so geschehen.

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