Für Sport1.de schreibt der ehemalige Nationaltorhüter Toni Schumacher exklusiv über das Geschehen in der Bundesliga.

Der Bundesliga-Spieltag Nr. 3 hat für mich erst am Samstagabend begonnen, als die meisten Spiele abgepfiffen waren, die Stadien leer, die Fans zu Hause oder auf dem Heimweg.

Als ich erfahren habe: Ümit Özat, der türkische Kapitän des 1.FC Köln ist nach seinem dramatischen Zusammenbruch während des Spiels in Karlsruhe aus dem Krankenhaus entlassen worden und wieder bei seiner Familie in Köln. GESUND.

Diese Nachricht war schöner und wichtiger als jeder Torjubel, als jede Flanke, jede Torwart-Parade.

Die Szenen aus Karlsruhe ließen Schlimmes ahnen. Automatisch dachte man beim Anblick der Rettungs-Momente an die Herztode in der spanischen Profiliga in der vergangenen Saison und an den Kameruner Marc Vivien Foe.

Ich habe nicht mehr an Fußball gedacht, sondern nur daran wie in einer Sekunde ein Spiel, ein Sport, ein Beruf, eine Familie umstürzen kann. Wie unwichtig Sieg und Niederlage sein kann oder der Tabellestand.

Deshalb bin ich sehr erleichtert, innerlich glücklich, dass Ümit Özat wieder den Umständen entsprechend "fit" ist. Und wir ALLE, die Kinder der Bundesliga wissen: Fußball ist nur ein Spiel, eine schöne Leidenschaft, Spaß.

Nicht mehr.

Aber auch nicht weniger.

Deshalb habe ich nach der Entspannung diesen Liga-Tag noch mehr, anders genossen. Mit mehr Abstand.

Denn ich weiß aus eigener Erfahrung: nach dem dritten Spiel gibt es in den Trainer-Kabinen und in den Vorstandszimmern die Mini-Bilanz - gerade wenn eine Länderspielpause ansteht. Neun Punkte waren zu vergeben, wie viele haben wir? Sind wir auf dem richtigen Weg? Ist alles falsch? Brauchen wir noch Zeit?

Meine Mini-Bilanz nach drei Spieltagen und neun Punkten sieht so aus:

Definitiv angekommen in der Saison, schon im Rhythmus sind alle Teams in der Tabelle bis Platz 11, bis zur Borussia aus Mönchengladbach. "Weisweilers" Erben haben gegen Bremen die Wende geschafft, guten Fußball gekämpft, schöne Tore geschossen und begriffen: In Liga 1 läuft nichts von alleine, muss jede Sekunde erarbeitet werden.

Ab Platz 12 geht die erste Krise los: am schwersten angeschlagen - Werder Bremen. Sieglos, glücklos. Dieses Gefühl kennt man an der Weser eigentlich schon gar nicht mehr, wenn nichts geht, sich nichts bewegt.

Trotz Diego, trotz Pizarro: Wenn gegen Cottbus in zwei Wochen nicht gejubelt werden darf in Bremen, wird es WIRKLICH ernst. Solange glaube ich noch an die Diego-lose-Depression und die olympia-gestörte Vorbereitung als Ferndiagnose.

Noch nicht in Panik, aber auch nicht mit Blick nach vorn: Frankfurt und Karlsruhe. In der vergangenen Saison haben mich beide Klubs mit schönem Fußball, Philosophie und Handschrift überzeugt. Aktuell dagegen nur Stückwerk, Baustelle. Keine fußballerische Harmonie.

Das nächste Duell geht ausgerechnet gegeneinander: Nicht schwer zu erraten: der Verlierer hängt eine ganze Weile "unten" drin.

Und UNTEN im Kampf gegen den Abstieg bleiben die üblichen Verdächtigen: Cottbus, Bielefeld, Bochum. Und: Hannover 96.

Die Gefahr: Die "Roten" mit den Vereinsfarben schwarz-weiß-grün haben daran nicht gedacht, sondern wollten mehr, wollten nach oben. Die Tabellen-Nachbarn kennen sich aus, da verliert nach diesem Start keiner die Nerven. Aber rund um die AWD-Arena bin ich mir da nicht so sicher.

Übrigens: Der Gewinner der ersten drei Spieltage ist für mich der HSV. Wer solch einen Rückstand so umdreht, dann noch auf dem Transfermarkt so zuschlägt UND den großen Bayern einen DEUTSCHEN, JUNGEN Nationalspieler seelenruhig abkauft - der hat Ziele und den Mumm sie zu verwirklichen.

Diesen HSV kann ich verstehen. Die Bayern nicht. Oder noch nicht. Wir haben ja auch noch 31 Spieltage Zeit.

Herzlichst Euer Toni Schumacher

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