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Klaus Allofs (l.) und Thomas Schaaf arbeiten seit zehn Jahren bei Werder zusammen © getty

Durch den Sieg im DFB-Pokal hat Werder eine Saison mit Höhen und Tiefen erfolgreich abgeschlossen. Nun steht der Umbruch an.

Von Sebastian Hrabak

München - Eitel Sonnenschein herrscht seit dem DFB-Pokal-Sieg an der Weser.

Die Anhänger feierten das gesamte Wochenende ausgelassen ihre "Helden von Berlin", die Klub-Führung weigerte sich in jeder Stellungnahme vehement, die Saison als verkorkst anzuerkennen und die Ära des Trainers Thomas Schaaf hat über Nacht eine Frischzellen-Kur verabreicht bekommen.

Die Herren Sportdirektor Klaus Allofs und Trainer Schaaf halten es mit dem alten Sprichwort "Wer trifft, hat recht": Mesut Özil hat getroffen. Es war der "goldene Schuss" ins grün-weiße Glück.

Doch sei nur kurz angenommen, die Bremer hätten auch nach dem zweiten Finale mit leeren Händen den Heimweg antreten müssen:

Die Saison 2008/09 wäre definitiv als verkorkst in die Werder-Geschichtsbücher eingegangen.

"Wenn wir nur ein Spiel mehr - nämlich das UEFA-Cup-Finale - gewonnen hätten, würde jetzt von der besten Saison der Vereinsgeschichte berichtet werden. Auf diesem schmalen Grat bewegen wir uns", sagte Schaaf der "Syker-Kreiszeitung."

Mehr Genie als Wahnsinn

Auf einem schmalen Grat bewegten sich auch die Auftritte der Schaaf-Elf in der vergangenen Spielzeit. In geradezu beeindruckender Regelmäßigkeit wechselten die Vorstellungen zwischen Welt- und Kreisklasse.

Siegen gegen Top-Mannschaften folgten erbärmliche, fast peinliche Niederlagen gegen vermeintlich kleine Vereine.

"Wir haben uns auf der einen Seite immer wieder selbst die Beine weggehauen, indem wir nicht die Leistung abgerufen haben, zu der wir fähig sind", erklärte Schaaf weiterhin: "Aber es war auch eine großartige Leistung, dass sich die Mannschaft immer wieder aufgerappelt und außergewöhnliche Leistungen gezeigt hat."

Der "Lucky Punch" gelang Werder Bremen in dieser Saison allerdings überraschend oft. Es muss also doch Klasse nebst Masse beim Bundesliga-Klub vorhanden sein.

Neben Diego, dem Magier der Werder-Elf, etablierte sich ein Quintett von internationalem Format.

Die Innenverteidiger Naldo und Per Mertesacker waren ohnehin über jeden Zweifel erhaben, Torhüter Tim Wiese gehört spätestens seit dem Elfmeter-Schießen gegen den HSV zur nationalen Spitze.

Claudio Pizarro ist immer noch mehr Genie als Wahnsinn, auch wenn seine Torquote zum Ende der Saison nachließ. Und der junge Özil blühte ohne Druck neben Diego auf.

Die teuerste Werder-Verpflichtung floppte

Für den Werder-Baumeister Allofs ist es nun vor der neuen Saison ein großes Glück, dass wohl nur einer der "Fantastic Six" seine Fußball-Schuhe bald bei einem anderen Klub schnüren wird.

Doch auf der anderen Seite ist es gerade die dominanteste Persönlichkeit der letzten drei Bundesliga-Spielzeiten, die ersetzt werden muss.

Ein solcher Umbruch ist jedes Mal ein großes Risiko. Bei Werder allerdings hat dies in der Vergangenheit überraschend oft hervorragend funktioniert.

Baumann: Umbruch als Chance

Prominente Namen wie Andreas Herzog, Mario Basler, Johann Micoud, Ailton oder Miroslav Klose wurde nahezu ausnahmslos adäquat ersetzt.

Nur einmal lagen die Bremer Bosse so richtig daneben: Bei Riesen-Flop Carlos Alberto, der teuersten Werder-Verpflichtung aller Zeiten.

"Es war in den letzten Jahren immer wieder der Fall, dass Leistungsträger den Verein verlassen haben. Das ist immer eine Chance auch für junge oder neue Spieler diese Rollen zu übernehmen", zeigte sich auch der scheidende Kapitän Frank Baumann bei Sport1.de optimistisch, dass der Umbruch einmal mehr gelingen wird.

Marin zu hoch gelobt

Die fehlenden Puzzle-Teile für die nächste Werder-Generation sollen laut Aussagen der Verantwortlichen zum großen Teil schon gefunden sein.

In die Lücke von Frank Baumann wird der alte Haudegen Torsten Frings stoßen, der mit zunehmenden Alter immer mehr als Führungsspieler an Bedeutung gewinnt, aber sportlich nicht immer restlos überzeugen kann.

Die Kreativität, die sonst Diego im Werder-Spiel versprüht hat, soll durch das Zusammenspiel Özils mit dem heftig umworbenen Marko Marin gewährleistet werden.

Im UEFA-Cup-Finale zeigte Özil, dass ihm der Anzug von Diego noch nicht so ganz passen will. Marin wird seit geraumer Zeit mit Lorbeeren überhäuft, internationales Format muss aber auch er noch nachweisen.

Moreno stürmt für Werder

In der Innenverteidigung bleibt wohl alles beim Alten. Seitdem die internationale Qualifikation geschafft ist, hat auch Naldo mit einem Wechsel zu Olympique Marseille abgeschlossen und sich in der Pokalnacht zu Werder bekannt.

Die Torwart-Position steht ohnehin nicht zur Diskussion.

Im Sturm wird allen Anschein nach Pizarro weiter auf Torjagd gehen dürfen. Ein neuer Partner ist schon gefunden: Wunschspieler Marcelo Moreno Martins. Ob sich der Leihspieler von Schachtjor Donezk in der Bundesliga durchsetzen kann, bleibt abzuwarten.

Der Rest sind Ergänzungsspieler

Doch das ist nur ein Gerüst, eine Achse, aber keine Mannschaft, mit der die Tabellenspitze und die internationalen Plätze in der Bundesliga attackiert werden könnten. Zu viel Masse schwimmt mit der internationalen Klasse bei Werder Bremen mit.

Namen wie Christian Vander, Petri Pasanen, Dusko Tosic, Sebastian Prödl, Jurica Vranjes, Alexandros Tziolis, Sebastian Boenisch, Peter Niemeyer, Markus Rosenberg und Martin Harnik sind von internationaler Klasse ein gutes Stück entfernt.

Zumindest Boenisch, Prödl und Niemeyer kann allerdings eine positive Entwicklung bescheinigt werden.

Dass das für ganz oben noch nicht reicht, veranschaulichte Donezks Darijo Srna im UEFA-Cup-Finale mustergültig, als er über die rechte Flanke gegen den völlig überforderten Boenisch so lange Betrieb machte, bis in der 97. Minute der 2:1-Siegtreffer perfekt war.

Diego kaschierte die Schwächen

Gerade in der Breite sind also bei Werder Bremen für die kommende Spielzeit noch viele Baustellen offen. Diese gilt es zu schließen, erwartet man sich im Werder-Vorstand von der nächsten Saison wirklich den Beginn einer "Goldenen Zukunft".

Der Umbruch in Jahr eins nach Diego wird sicherlich nicht einfach, denn der Ball-Virtuose verstand es wie kein anderer, die offensichtlichen Schwächen der Werderaner zu kaschieren.

Doch Schaaf und Allofs muss man zutrauen, ihre Kritikern auch in der Saison 2009/10 wieder einmal Lügen strafen zu können.

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