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Dieter Hoeneß (l.) hatte Lucien Favre im Jahr 2007 als Trainer geholt © imago

Dieter Hoeneß' erzwungener Rücktritt beendet eine Ausbootung auf Raten. Favre soll sie mit einer Abgangsdrohung forciert haben.

Von Martin Hoffmann

München/Berlin - Die offizielle Kommunikation und die inoffizielle Realität. Es sind zwei Sphären, die oft nur am Rande etwas miteinander zu tun haben.

Selten aber ist es so offensichtlich wie beim Abgang von Dieter Hoeneß bei Hertha BSC Berlin (Ära Hoeneß ist beendet).

"Auf eigenen Wunsch" sei die Trennung verlaufen, "freundschaftlich und einverständlich", so heißt es in der Mitteilung der Hertha zum Thema.

Sie wirkt in diesem Punkt beinahe wie Satire, da allzu offensichtlich ist, dass Hoeneß mit dem vorzeitigen Rücktritt nur dem ansonsten drohenden Rauswurf zuvorgekommen ist.

"Bis zum Schluss gekämpft"

Die Wahrheit schimmert dann aber doch durch, als es heißt, Hoeneß würde "im ausschließlichen Interesse von Hertha BSC" den Weg für eine Neugestaltung freimachen.

Im eigenen hat er es ganz eindeutig nicht getan.

"Ich habe bis zum Schluss um eine gemeinsame Zusammenarbeit gekämpft", ließ Hoeneß nun auch in der "BZ" wissen.

Er habe dann aber bemerkt, "dass es nichts mehr bringt. Dass es kein Miteinander mehr gibt. So wie es jetzt geschehen ist, ist es das Beste für Hertha BSC".

Bis zuletzt hatte sich Hoeneß gegen die Erkenntnis gesträubt, dass er im Verein nach fast 13 Jahren den Rückhalt verloren hat. (115493DIASHOW: Die Ära Dieter Hoeneß)

Und das ausgerechnet am Ende der Saison, in der die Hertha seine Regentschaft fast mit der Meisterschaft gekrönt hätte.

Doch noch während sich die Hertha auf Titelkurs befand, wurde unübersehbar, dass Hoeneß' Macht hinter den Kulissen bröckelte.

Entscheidender Konflikt mit Favre

Die von Hoeneß angestrebte und vom Verein ausgebremste Verpflichtung von Junior Cesar, der Spott von Präsident Werner Gegenbauer, er mache den Höhenflug der Hertha zu "Dieter-Hoeneß-Festspielen", die "Brief-Affäre" (Zoff um Hertha-Brief):

Es waren deutliche Signale, dass einiges im Argen lag.

Lange ging dabei fast unter, wo der entscheidende Konflikt lag: nämlich zwischen Hoeneß und Trainer Lucien Favre.

Der Schweizer verlangte intern mehr Einfluss bei Transferfragen. Ein Bereich, den Hoeneß als seine ureigene Domäne begriff - und in dem es zwischen ihm und Favre offensichtliche Meinungsverschiedenheiten gibt.

Jüngstes Beispiel: Marko Pantelic. Favre sah den eigensinnigen Angreifer trotz seiner Qualitäten als Störfaktor und wirkte erfolgreich auf dessen Abgang hin.

Hoeneß dagegen hätte den Serben gern behalten und hatte daraus kein Geheimnis gemacht.

Solche und ähnliche Konflikte haben sich offenbar zu einer Machtprobe zwischen Favre und Hoeneß gesteigert.

Favre bat angeblich um Vertragsauflösung

Laut "kicker" hat Favre am vergangenen Dienstag daher um die Vertragsauflösung bei Hertha gebeten.

Er hätte ein Angebot eines zahlungskräftigeren Bundesliga-Konkurrenten gehabt, so seine Darstellung. Kolportiert wurden unter anderem Bayer Leverkusen und der Hamburger SV.

Bei vielen in Berlin hinterließ die Drohung aber vor allem den Eindruck, dass Favre gar nicht zwingend weg, sondern ein Signal setzen wollte: Hoeneß oder ich.

Vor diese Wahl gestellt, hatte Hoeneß beim Hertha-Präsidium die schlechteren Karten - aus mehreren Gründen.

Favres Erfolg sprach für ihn, während Hoeneß in den Jahren unter seiner Führung diverse Angriffsflächen geschaffen hat.

Transfer-Flops und mangelnde Teamfähigkeit

Eine Reihe von Transfer-Flops und strittige Geschäftsentscheidungen etwa, aber auch sein Führungsstil generell.

Schlecht ausgeprägte Teamfähigkeit, ein Hang zu einsamen Entscheidungen wurden ihm vorgeworfen.

Wie viel Macht in Berlin bei Hoeneß gebündelt war, sieht man schon daran, dass sein Aufgabenbereich nun auf mehrere Personen aufgeteilt wird.

Michael Preetz wird als neuer Geschäftsführer Sport eine Schlüsselrolle spielen, ob neben ihm und Finanzchef Ingo Schiller noch weitere Leute installiert werden, wird geprüft.

"Jetzt werden diejenigen, die in Zukunft ohne Dieter Hoeneß die Verantwortung tragen, den Druck haben, weil ab dem 8. August nur die Ergebnisse zählen", kündigt Gegenbauer an.

Abtritt nicht geplant

Hoeneß muss sich derweil neue Beschäftigungen suchen.

"Das Ganze hat auch etwas Gutes. Ich kann mir jetzt Städte anschauen und Leute besuchen", kündigte er an.

Der 56-Jährige hat aber angekündigt, dass er von der Fußballbühne nicht abtreten, wohl aber etwas Abstand gewinnen will.

Gelegenheit dazu hat er jetzt beim Urlaub in Sardinien. Dass er den genießen kann, ist aber schwer vorstellbar.

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