Für Sport1.de schreibt der ehemalige Nationaltorhüter Toni Schumacher exklusiv über das Abschiedsspiel von Oliver Kahn.

Heute Abend geht ein ganz Großer des Deutschen Fußballs: Oliver Kahn.

Der Torwart-Titan hat vor seinem Abschiedsspiel mit dem FC Bayern gegen die Deutsche Nationalmannschaft angekündigt: "So in der 70. Minute ist dann Schluss."

Lieber Oliver, das werden die schwersten Sekunden Deiner unglaublichen Karriere. Ich weiß wovon ich schreibe?

Der Applaus der Fans, die Scheinwerfer der Kameras und der Film im Kopf. Alles läuft in Bruchteilen vor Deinem geistigen Auge ab. Die großen Siege, die bitteren Niederlagen, die Meisterschale in der Hand, die gehaltenen Elfmeter. Der Sieg in der Champions-League, das verlorene WM-Finale.

Du wirst nichts mehr hören, nichts sehen, wie auf Watte laufen. Noch auf dem Rasen wird Dir plötzlich klar: Dieses Gefühl des Gladiators kommt nie mehr zurück.

Keine Busfahrt zum Stadion, kein Warmmachen vor der gegnerischen Fan-Kurve, keine Schmährufe, keine bewundernden Olli-Sprechchöre, kein Duft des Rasens mehr, kein Geräusch mehr des Klettverschlusses der Torwarthandschuhe.

Und dann bist Du plötzlich allein. Mitten im Stadion. Allein mit diesem Gefühl des Stolzes, des Wehmuts. Aber alle sehen Dir zu?

Oliver Kahn hat den Deutschen Fußball mit geprägt, eine Ära begründet. Seinen Namen verewigt. Es soll wirklich kein Eigenlob sein, aber es gab eine Ära Sepp Maier, eine Zeit mit Toni Schumacher und eben Oliver Kahn.

Es gab und gibt in Deutschland viel außergewöhnlich gute Torwarte, aber Oliver Kahn hat alle noch übertroffen, noch getoppt. Weil er besessener war, erfolgshungriger, willenstärker.

Für einen Spieler wie Oliver Kahn war jedes Training wie ein WM-Spiel, jeder Bundesliga-Auftritt ein Angriff auf sein Ego. Der Beste sein, keine Fehler machen. Gewinnen.

Training war für ihn Arbeit mit Adrenalin, Gegentore wie Schläge ins Gesicht, Fehler körperliche und seelische Schmerzen.

Die Einstellung von Oliver Kahn zum Beruf, zur Leidenschaft Torwart zu sein, ist eine andere Dimension, Sport zu leben.

Andere halten einen für verrückt, sich in Schüsse mit 150 km/h zu werfen, sich für eine Parade die Finger zu brechen, sich mit dem Körper vor sein Tor zu stellen. Für Oliver Kahn war diese Position Torwart wie eine Religion, Berufung.

Ich bin ganz ehrlich: Aufhören hat mir weh getan. Ich hätte gerne noch weiter gemacht, weiter gespielt, wäre weiter so gerne Torwart gewesen. Aber Oliver Kahn hat mir persönlich geholfen, mit dem Karriere-Ende klar zu kommen.

Weil ich in ihm immer ein Stück meiner eigenen Laufbahn weiter erleben konnte. Ich habe in Oliver Kahn ganz oft mich selbst wieder erkannt. Im Positiven wie im Negativen. Paraden und Ausraster im Wechsel.

Weil man als Torwart immer allein ist. Das fängt schon beim Trikot an ? weil es anders aussieht als der Rest der Mannschaft. Man ist markiert. Ein Torwart darf keinen Fehler machen.

Dieses Spiel hat Oliver Kahn geatmet. Deshalb habe ich gerne im Tor gesehen. Er wird mir fehlen.

Mach?s gut, Oliver, und genieß Dein letztes Spiel und die letzten Sekunden mit den Handschuhen um die Finger.

Herzlichst Toni Schumacher

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