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Herbert Fandel leitete seit 1996 247 Partien in der Bundesliga © getty

Herbert Fandel, viermaliger "Schiedrichter des Jahres", tritt zurück. Im Interview spricht er über 20 Jahre im Profi-Geschäft.

Von Jürgen Blöhs

München ? Nach 20 Jahren im Profi-Fußball gab Herbert Fandel überraschend seinen Rücktritt bekannt. Eine Entscheidung, die nicht nur DFB-Präsident Theo Zwanziger überraschte.

Der deutsche "Schiedsrichter des Jahres" 2001, 2005, 2007 und 2008 hätte noch zwei Jahre lang in der Bundesliga aktiv sein können.

Die Vereine hätte ein Weitermachen bestimmt gefreut, denn Deutschlands bester Schiedsrichter war überall gern gesehen.

"Es gab nie den Versuch, Druck auf mich oder den Ansetzer auszuüben, nach dem Motto 'den Fandel wollen wir nicht'. Darauf bin ich sehr stolz", so der pfeifende Pianist.

Bei Sport1.de verrät der 45-Jährige, der bei der EM 2008 dabei war und 2006 das UEFA-Pokal-Endspiel zwischen dem FC Sevilla und dem FC Middlesbrough leitete, warum er dennoch aufhört und warum die Minuten vor dem Champions-League-Finale 2007 zwischen dem AC Mailand und dem FC Liverpool in Athen der schönste Moment seiner Karriere waren.

Sport1.de: Herr Fandel, Sie sind in der Rückrunde einige Spieltage verletzt ausgefallen. Was für eine Verletzung war das?

Herbert Fandel: Das waren Entzündungen der Plantarsehnen unter beiden Füßen.

Sport1: Der Grund für Sie, bereits zwei Jahre vor Erreichen der Altersgrenze aufzuhören?

Fandel: Nein, die Verletzungen waren so weit ausgeheilt, dass ich hätte weitermachen können, wenn ich gewollt hätte. Aber sie waren schon ein Signal, das mich zum Nachdenken gebracht hat. Ich war 30 Jahre Schiedsrichter, davon 20 im Profi-Bereich. Für die WM 2010 wäre ich zu alt, die Ziele waren also alle weg. Da habe ich die Entscheidung getroffen, aufzuhören.

Sport1: Europameisterschaft, Champions-League- und UEFA-Cup-Finale? Bedauern Sie, dass eine WM in der Karriere fehlt? 2006 im eigenen Land wäre doch eine schöne Sache gewesen.

Fandel: Natürlich, aber das ist jetzt Schnee von gestern.

Sport1: Zur Besetzung bei der WM. Da sind ja viele so genannte Exoten dabei, also Schiedsrichter aus Ländern, in denen nicht unbedingt Spitzenfußball gespielt wird. Sollten bei einer WM nicht die Besten pfeifen?

Fandel: Die FIFA muss schon den Proporz wahren. Ich habe Verständnis dafür, dass man aus allen Konföderationen Schiedsrichter einsetzt, aber dann soll man das nicht vorher anders ansagen. Im Vorfeld war ganz klar gesagt worden, es fahren nur die Besten zur WM. Das ist dann aber nicht geschehen. Das war die Geschichte, die mich geärgert hat.

Sport1: Was war für Sie der Höhepunkt Ihrer Karriere?

Fandel: Ganz klar das Champions-League-Finale.

Sport1: Und Ihre schönste Erinnerung?

Fandel: Die letzten Minuten vor dem Champions-League-Finale waren das Schönste, was ich in meiner Karriere erlebt habe, weil dass das Ergebnis harter Arbeit war. Da hatte ich die Möglichkeit, noch einmal über alles nachzudenken. Das war ein besonderer Moment.

Sport1: Was war Ihre erste Bundesliga-Partie?

Fandel: Stuttgart gegen Frankfurt.

Sport1: Ohne Probleme?

Fandel: Ja, die ersten Spiele liefen wunderbar. Das zweite Spiel war dann gleich ein ganz großes Match: HSV gegen Borussia Dortmund. Da waren die FIFA-Schiedsrichter alle auf einer Tagung, und der Chef musste eine Entscheidung treffen, wer leitet dieses dicke Ding Erster gegen Dritter. Und dann hat er gesagt: "Das macht der Fandel." Das war eine große Auszeichnung für einen Grünschnabel.

Sport1: Ist ein Spiel in besonderer Erinnerung?

Fandel: 1999 habe ich bei Rostock gegen Ulm vier Ulmer vom Platz gestellt. Regeltechnisch war das auch im Nachhinein alles okay, aber mit der Erfahrung von heute würde ich in so einer Partie ohne Rote Karte auskommen. Damals war ich mit dem Regelbuch unterm Arm über den Platz gelaufen. Ich war jung und unerfahren.

Sport1: Gab es Vereine, wo Sie ungern hingefahren sind?

Fandel: Am schwierigsten war es immer, zu Vereinen zu fahren, die einige Partien in Folge unter meiner Leitung verloren hatten. Aber es gab nie den Versuch, Druck auf mich oder den Ansetzer auszuüben, nach dem Motto "den Fandel wollen wir nicht". Es war über so lange Zeit überall unproblematisch. Darauf bin ich sehr stolz.

Sport1: Sie werden dem Schiedsrichterwesen im Stab von Schiri-Boss Volker Roth erhalten bleiben. In welcher Position?

Fandel: Da steht noch nichts fest. Meine Aufgabe sehe ich in den ersten Monaten darin, das Geschäft kennenzulernen und Volker Roth mal über die Schulter zu schauen. Auf jeden Fall werden Beobachtungen der Kollegen dabei sein, und ich werde jüngere Kollegen unter meine Fittiche nehmen. Das ist ein Wunsch von mir.

Sport1: Klingt nicht nach Ruhestand. Ist das ein Full-Time-Job?

Fandel: Nein, ich werde unser Kulturamt weiterleiten. Die Arbeit beim DFB ist ein Ehrenamt.

Sport1: Steht schon fest, wer für Sie in die Bundesliga aufsteigen wird?

Fandel: Das kann ich nicht sagen. Das ist eine Sache von Roth und seinen Kollegen.

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