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Muss allmählich mal dringend punkten: Hannover-Coach Dieter Hecking © getty

Drei Spiele, null Tore und nur ein Punkt, Schlusslicht: sport1.de analysiert den Fehlstart von Hannover 96.

Von Christian Paschwitz

Wenigstens dieses Versprechen sollte Dieter Hecking den nervösen Fans möglichst bald erfüllen können. Nämlich, die Schlusslicht-Position abzugeben. Und weil es tiefer auch nicht gehen kann, kommen die Worte des Trainers von Hannover 96 im Nachhinein wie ein schlechter Witz daher.

"Wir sind da, wenn andere, höher angesiedelte Klubs schwächeln", hatte Hecking vor Saisonbeginn gesagt. Und damit eigentlich gemeint, die Gunst der Stunde zu nutzen, wenn im Kampf um die Tabellenplätze fürs internationale Geschäft die Konkurrenz Federn lässt. "UEFA-Cup - dieses Aussage steht", gab Hecking als Saisonziel aus.

Doch statt Europapokal-Lust herrscht bei den Niedersachsen nach drei Spieltagen nur noch Depression: 0:3 auf Schalke, 0:0 gegen Cottbus, zuletzt 0:2 in Stuttgart - ein Fehlstart, wie er kaum heftiger hätte ausfallen können. Torlos nach drei Partien steht 96 erstmals seit dem 5. November 2006 wieder am Tabellenende.

"Wir spielen einfach schlecht nach vorn", jammert Jan Schlaudraff. "Wir finden einfach keine Lösung, uns ausreichend Chancen herauszuspielen." Gerade der Neuzugang vom FC Bayern (2,5 Millionen Euro Ablöse) schiebt Frust statt den Ball über die Linie.

Dabei war das der Plan, für den zu erfüllen auch der zweite offensive Top-Einkauf Mikael Forssell (zuvor Birmingham City) geholt worden war. In der Abwehr wiederum sollte der Schweizer Nationalspieler Mario Eggimann (Karlsruher SC) Stabilität bringen, nachdem es in der vergangenen Spielzeit 56 Gegentore setzte.

Vorne klemmt's, hinten klingelt's: Abgesehen von Neu-Nationalkeeper Robert Enke sind fast alle Stammkräfte unter Normalform, allen voran die erfahrenen Mike Hanke, Valerien Ismael und Christian Schulz.

Kind verglich schon mit Werder

Rückblende: Abstiegsgedanken schienen bei den Roten schon gänzlich verbannt. 49 Punkte in der Vorsaison ließen Klubchef Martin Kind die wagemutige Aussage treffen, "Bremer Strukturen und Zeitachsen" zu verfolgen. Sprich: Langfristig sich sogar mal für die Champions League zu empfehlen. Weg vom Status "Meister des Mittelmaßes".

In der Gegenwart geht's erst mal um den Klassenerhalt. Und um die Frage, wie oft Hecking noch verlieren darf. Der Boulevard in Hannover geht jedenfalls in Stellung (Bild: "Ist die Saison schon im Eimer?"). Und beim österreichischen Wettanbieter Intertops liegt Hecking bereits auf Rang vier in der Trainer-Rauswurfliste (Quote: 1:3), nachdem er vor dem Saisonstart als Drittletzter des Rankings noch fest im Sattel wirkte.

Nach außen hin bleiben die Verantwortlichen ruhig bei 96. "Noch bin ich sehr gelassen", sagt Kind, unter dessen Regentschaft die sportlich Verantwortlichen allerdings schon recht häufig ausgetauscht wurden. "Die Mannschaft hat unser Vertrauen, und Hecking leistet gute Arbeit."

Hecking beschönigt

Bloß dass Heckings Tun eben keinen Ertrag abwirft. Die bisherigen Saison-Leistungen sind nicht Erstliga-tauglich: Kein strukturiertes Spiel nach vorn, Null-Effektivität im Abschluss, wenig Laufbereitschaft. Obendrein taktische Defizite, wie auch die Anfälligkeit für Gegentore bei Standards (siehe 0:1 in Stuttgart nach einem Eckball). "

Hecking räumt zwar ein, es gebe "sicher einige Ansätze, die wir erörtern werden" nach der Länderspielpause. Sonst aber beschönigt der 43-Jährige die brenzlige Situation: "Ich bin ruhig, die Leitung ist ruhig - wie immer bei uns im Verein. Das Wort Krise ist immer schnell bei der Hand."

Wie lange die Ruhe anhält, lässt sich allerdings schwer prognostizieren. Das Heimspiel nach der Länderspielpause gegen Aufsteiger Borussia Mönchengladbach hat bereits Schlüsselcharakter. Danach gilt es in Leverkusen, gegen Bayern und in Dortmund. Dazwischen droht das Aus im DFB-Pokal gegen Schalke.

Keiner übernimmt Verantwortung

Mitentscheidend für den 96-Tiefflug: In der Mannschaft rumort es offenbar, es mangelt an Charakteren, die Verantwortung übernehmen wollen. Und Hecking bleibt ungehört, wenn er fordert: "Die erfahrenen Spieler müssen vorweg marschieren und den Takt angeben."

Festmachen lässt sich die Führungskrise auf dem Platz am besten an Valerien Ismael: Der Franzose - international erfahren und durch seine Stationen in Bremen und bei den Bayern größeren Druck gewöhnt - ist nur noch ein Schatten seiner selbst.

Was soweit geht, dass der Franzose freiwillig auf einen Einsatz verzichtet. Ernsthaft private oder gesundheitliche Gründe spielen dabei keine Rolle. "Es hat mich einfach aus der Bahn geworfen, wie man in der Öffentlichkeit mit mir umgegangen ist", begründete Ismael kürzlich im "kicker" seinen Abwesenheitswunsch in Stuttgart. "Die Brutalität der Kritik, wenn man einmal Schwächen zeigt, hat mich überrascht."

Was wird mit Huszti?

Möglicherweise kickt "Le Chef" bald gar nicht mehr für die Roten: Es kursieren Gerüchte, wonach Wolfsburgs Alexander Madlung als Nachfolger kommen soll.

Vor dem Sprung steht zudem der zuletzt ausgemusterte Szabolcs Huszti. Der Mittelfeldmann hatte allzu offen mit einem Wechsel kokettiert und damit Kredit verspielt bei Hecking und vielen Fans.

Eine reibungslose Trennung von dem als schwierig geltenden Ungarn, dessen Vertrag am Saisonende ausläuft, kann in Hannover aber wohl niemand versprechen: Zumal es für Huszti derzeit keine Anfragen mehr geben soll.

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