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Sieben Jahre lang war er in der VfB-Jugend, jetzt spielt Andreas Beck in Hoffenheim © getty

Stuttgart war lange die Talent-Schmiede im Südwesten. Jetzt wildert Liga-Neuling Hoffenheim im VfB-Revier. Und nicht nur das.

Von Mathias Frohnapfel

München/Stuttgart - Manuel Gulde ist 17 Jahre alt und ein begabter Fußballer, mit dem Zeug zum Profi. Vor einem Jahr hatte der Spieler des VfL Neckarau die Wahl, seine Fußball-Ausbildung beim VfB Stuttgart oder der TSG Hoffenheim zu veredeln.

Beide Klubs buhlten kräftig. Der VfB lud Gulde zum Bundesliga-Spiel, zum Small-Talk kamen anschließend Manager Horst Heldt und Nationalspieler Mario Gomez. Hoffenheim aktivierte gar Trainer Ralf Rangnick, Manager Jan Schindelmeiser und Geldgeber Dietmar Hopp.

Konkurrenz im Kerngeschäft

Gulde wählte die TSG - auch weil er es zum Liga-Emporkömmling einige Kilometer näher hat. Das Beispiel zeigt: Im Südwesten der Republik wackeln die Machtverhältnisse.

Der Klub von Milliardär Dietmar Hopp macht dem VfB in dessen ureigenstem Ressort Konkurrenz: der Jugendarbeit. Es ist als würde einer die schicksten Mercedes-Limousinen 1:1 nachbauen.

Unfreiwillige Aufbauhilfe

Fünf Ex-VfB-Spieler stehen aktuell im Hoffenheimer Kader. Und außer Jochen Seitz gehören Andreas Beck, Matthias Jaissle, Marvin Compper, Jochen Seitz und Tobias Weis allesamt zur Stammtruppe.

Und: Alle - mit Seitz Ausnahme - wurden jahrelang in Stuttgart als fußballerische Rohdiamanten geschliffen und perfektioniert.

Auch anderweitig leistete der VfB (unfreiwillige) Aufbauhilfe für den Rivalen aus dem Kraichgau: Die Arbeiten rund um das Rhein-Neckar-Stadion, die neue Hoffenheimer Spielstätte, koordiniert Geschäftsführer Jochen A. Rotthaus. Er leitete einst die VfB Stuttgart Marketing GmbH.

Bestens vertraut mit Stuttgarter Expertise ist auch Cheftrainer Ralf Rangnick, ein weiterer Ex-VfBler.

Hinzu kommen einige Jugendtrainer, die inzwischen die Blauen (Hoffenheim) und nicht mehr die Weiß-Roten unterstützen. Insgesamt: ein gewaltiger Abfluss von Wissen und guten Ideen.

"Da ist auch Know-How vom VfB nach Hoffenheim gegangen", bestätigt VfB-Jugendleiter Thomas Albeck gegenüber Sport1.de.

In seiner Arbeit spürt er täglich, dass im "Ländle" nur eine Autostunde nördlich von Stuttgart ein muskelbepackter Konkurrent heranwächst. Albecks Anspruch: Im Einzugsgebiet von 100 Kilometern will er sich "kein Talent durch die Lappen gehen lassen".

Die Talentejagd wird härter

Besonders vehement abgesteckt wird das Revier unter anderem rund um Heilbronn und im Hohenlohenschen.

Auf den ersten Blick duellieren sich hier der Platzhirsch und ein kecker Junghirsch. Schließlich ist der VfB mit 15 Titeln in der A- und B-Jugend Deutscher Jugendrekordmeister und hat in den vergangenen Jahren laut Albeck 65 Spieler ausgebildet, die aktuell in Bundesliga bzw. Zweiter Liga kicken.

Hoffenheims B-Jugend-Titel mit Schönheitsfleck

Die Hoffenheimer Bilanz: ein Deutscher Meistertitel mit der B-Jugend im Sommer. Allerdings schränkt Albeck hier ein: "Das ist das Ergebnis ihrer guten Arbeit, sie haben zuvor aber auch quasi die komplette Nachwuchsmannschaft von Neckarau (6 Spieler, d. Red) übernommen."

Ansonsten sieht der VfB-Verantwortliche jedoch die enorme Entwicklung bei der TSG, die er eng mit Trainer Ralf Rangnick verknüpft. Der Verein investiere zudem reichlich in die Jugendarbeit, arbeite mit modernsten Techniken in der Spielanalyse.

VfB investiert 1,7 Millionen Euro in Nachwuchs

Wie viel Geld der Badener in die Jugendarbeit fließt, ist Betriebsgeheimnis. Genauso wie die Hoffenheimer ungern ihre Ideen en detail bekannt geben. Die Stuttgarter gehen dagegen - zumindest bisher - transparenter mit der Philosophie ihrer Talente-Schmiede um.

Seit einigen Jahren lassen sich die Grundzüge davon auf der Homepage frei einsehen. Auch dass die Schwaben 1,7 Millionen Euro pro Jahr in den Nachwuchs stecken, ist bekannt.

Hoffenheims Beck greift VfB an

Der Dank für die fußballerische Ausbildung wird jetzt aus Hoffenheim serviert: Hoffenheims Andreas Beck, der als 13-Jähriger zum VfB kam, klagt in "Sport Bild": "Ich habe beim VfB nicht das Vertrauen bekommen, auch nach guten Leistungen weiterspielen zu dürfen. In Hoffenheim wird auf jüngere Spieler eingegangen." Und Tobias Weis (23), ebenfalls ein Stuttgarter Gewächs, fügt hinzu: "Die Jugendarbeit beim VfB ist unvergleichbar ? aber danach ging es nicht mehr weiter."

Gereizter Heldt

Auf VfB-Seite sehen sie das naturgemäß anders. Manager Horst Heldt ätzt zurück: "Tobias Weis hat bei uns den Sprung zu den Profis nicht geschafft." Andreas Beck habe selbst gehen wollen.

Die Verflechtungen zwischen Hoffenheim und Stuttgart sind eng geknüpft. So sehr, dass jetzt auch um die Meriten der Vergangenheit gestritten wird. TSG-Coach Ralf Rangnick reklamiert für sich: "Heute noch spielt der VfB mit taktischen Grundsätzen, die ich 1999 als Jugendleiter beim VfB mit auf den Weg gebracht habe."

Armin Veh, sein Pendant 90 Kilometer südlich, kontert: "Ich glaube, ein Spieler der Klasse von Mario Gomez hätte es auch so zum Nationalspieler geschafft." Der Konkurrenzkampf im "Ländle" ist hart.

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