Die Entlassung von Jörn Andersen in Mainz kann als Schnellschuss verstanden werden. Doch die Entscheidung ist absolut konsequent.

Der FSV Mainz 05 pflegt spätestens seit dem ersten Bundesliga-Aufstieg im Jahr 2004 das Image des "besonderen" Bundesliga-Vereins.

Die Heimspiele sollen trotz begrenzter spielerischer Möglichkeiten leidenschaftliche Fußball-Feste und die Bindung zwischen Fans und Mannschaft eng sein, um aus dem engen finanziellen Spielraum das Optimum herauszuholen.

Ausgerechnet dieser "besondere" Klub wird nun offenbar ganz gewöhnlich und entlässt nach der Pokal-Blamage in Lübeck noch vor dem Bundesliga-Start Aufstiegstrainer Jörn Andersen.

Das passt so gar nicht ins Bild und wird jene auf den Plan rufen, die über den Verfall der Sitten auch in Mainz klagen werden.

Dabei ist die Entscheidung gegen Andersen nicht nur eine historische. Noch nie wurde ein Coach so kurzfristig vor Saisonbeginn entlassen.

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Sie ist für den Mainzer Vorstand angesichts der internen Unruhen der letzten Wochen auch die einzig richtige Entscheidung und schon jetzt der Griff nach dem letzten Strohhalm, um einen sich ankündigenden verkorksten Saisonstart zu verhindern.

Der FSV hat eine katastrophale Vorbereitung hinter sich: Zwischenzeitlich 14 verletzte Spieler, durchwachsene Ergebnisse und dann eben das Debakel von Lübeck.

Diese Fehlentwicklungen werden zu großen Teilen Andersen zur Last gelegt.

Der habe sich als Schleifer profilieren wollen, ist aus dem Umfeld der Mannschaft zu hören und habe zu wenig Wert auf Regeneration gelegt. Eine Vorgehensweise, die mitverantwortlich für die lange Verletztenliste sein kann.

Als der Disziplin-Fanatiker nun auch noch persönliche Gegenstände der Spieler aus der Kabine verbannen wollte, war der Bogen wohl überspannt. Das deutet vor allem die deutliche Wortwahl von Manager Christian Heidel und FSV-Boss Harald Strutz an.

Sie werfen Andersen unverblümt vor, sich von der Mannschaft entfernt zu haben und die Vereinsphilosophie des Teamwork nicht zu achten.

Mit der Erfahrung von drei Bundesliga-Jahren im Abstiegskampf wissen Heidel und Strutz aber, dass das Teamwork und die familiäre Atmosphäre die einzigen Trümpfe sind, die Mainz überhaupt in der Hand hat im Kampf um den Verbleib in der Eliteklasse.

Und so ist auch die Entscheidung für Junioren-Trainer Thomas Tuchel als Nachfolger Andersens absolut konsequent. Der führte die Mainzer U 19 Ende Juni gegen Borussia Dortmund zur ersten deutschen Meisterschaft.

Es war ein leidenschaftliches Fußball-Fest vor mehr als 11.000 Fans. Genau das braucht der FSV angesichts der völlig verkorksten Vorbereitung nun auch zum Bundesliga-Start.

Mit Jörn Andersen wäre es nicht mehr möglich gewesen.

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