vergrößernverkleinern
Ex-Bayern-Keeper Jean-Marie Pfaff (l.) wurde 1987 zum Welttorhüter gekürt © getty

Jean-Marie Pfaff spricht im Sport1.de-Interview über die Leistungen von Michael Rensing und kritisiert das Torwarttraining.

Von Benjamin Bauer

München - Jean-Marie Pfaff war beim FC Bayern in den achtziger Jahren eine Bank im Tor und gilt neben Oliver Kahn und Sepp Maier als einer der besten Torhüter der Vereinsgeschichte.

Mit dem Rekordmeister wurde er dreimal Deutscher Meister und gewann zweimal den DFB-Pokal. Insgesamt absolvierte er für die Münchener 156 Bundesligaspiele.

Sport1.de sprach mit dem früheren belgischen Nationalkeeper über die Torwart-Situation bei den Münchnern.

Dabei kritisiert er vor allem das Training der FCB-Torhüter und nennt eine Alternative als Nummer 1, lobt aber auch den nach seinem Patzer im Pokal erneut in der Kritik stehenden Michael Rensing. (Zum Artikel: Van Gaal stellt klar: Rensing bleibt im Tor

Sport1.de: Ist es richtig, dass sich Louis van Gaal auf Michael Rensing als Nummer eins festgelegt hat?

Jean-Marie Pfaff: Zum jetzigen Stand der Saison kann man nichts anderes machen. Das ist die richtige Entscheidung. Das Gegentor im Pokal habe ich gesehen, aber normal muss der Verteidiger den Ball klären. Man muss aber auch ehrlich sagen, dass Rensing auf den Ball zugehen musste. Rensing ist noch jung, kann noch viel lernen. Aber es muss ihm auch mal gesagt werden.

Sport1.de: Würden Sie sagen, dass da Kommunikation nicht stimmt? Gibt ihm niemand die nötigen Tipps?

Pfaff: Je mehr ich mir das anschaue, muss ich sagen, dass der Junge ganz allein steht. Jeder Fehler von ihm wird immer größer gemacht. Aber das ist normal. Man sagt, eine Mannschaft braucht den besten Doktor, wenn ein Spieler verletzt ist - sie braucht aber auch den besten Torwarttrainer.

Sport1.de: Es gibt schon länger Kritik an Walter Junghans. Muss beim FC Bayern in Sachen Torwarttrainer gehandelt werden?

Pfaff: Torwarttraining ist nicht nur "auf's Tor schießen". Man muss ihn mal drauf aufmerksam machen, wie ein Torwart spielen muss. Bei dem Pokal-Gegentor muss er mit dem linken Bein nach vorn und dann springen. Das muss ihm gesagt werden, aber man lässt den Jungen im Regen stehen.

Sport1.de: Also technische Defizite?

Pfaff: Ja, man muss technisch begabt sein um ein großer Fußballer zu sein. Fußball besteht aus Ideen und Technik.

Sport1.de: Würden Sie an Bayern Münchens Stelle einen neuen Torwart verpflichten?

Pfaff: Natürlich kann man noch einen anderen Torwart suchen. Aber Bayern München ist stark. Die können auch gewinnen, wenn der Torwart einen Fehler macht. Rensing ist die Nummer eins und jung. Ich habe ihn beim Torwarttraining gesehen. Er sollte weniger Krafttraining machen. Er muss nur mit einem erfahrenen Trainer zusammenarbeiten, der ihm offen und ehrlich sagt, was Sache ist.

Sport1.de: Ist Rensing auch stark genug für die Champions League?

Pfaff: Ja, Bayern München ist stark genug für die Champions League. 90 Prozent des Spiels spielt sich zwischen den Strafräumen ab. Bei den anderen Aktionen im 16er muss der Torwart zur Stelle sein. Rensing ist zu brav. Das heißt nicht, dass er Blödsinn machen muss. Aber er muss fußballerisch mitspielen.

Sport1.de: Was fehlt?

Pfaff: Als Kahn aufgehört hat, haben sie Rensing zur Nummer eins gemacht. Vielleicht war er sich da aber zu sicher und hat die Verantwortung nicht so ernst genommen. Er wusste, dass er die Nummer eins wird, aber er muss dann auch Leistung bringen. Man muss sehen, dass man gesund bleibt und man muss im Urlaub trainieren. Als Spitzentorwart kann man sich es nicht erlauben, zwei Wochen Urlaub zu nehmen und nix zu tun.

Sport1.de: Können Sie sich in Rensings Situation hineinversetzen? Bei jedem Fehler kommt Kritik an seiner Person auf.

Pfaff: Man erwartet ja schon Fehler von ihm. Rensing muss noch viel lernen. Aber es muss ihm auch offen gesagt werden. Außerdem muss man sich als Torwart auf seine Abwehr verlassen können. Das war vor allem in der letzten Saison nicht der Fall.

Sport1.de: Wenn Sie die einzelnen Mannschaftsteile international einordnen müssten: Ist die Torwartposition am schwächsten besetzt bei den Bayern?

Pfaff: Nein nein, Bayern München ist stark genug. Der junge Torwart ist gut. Auch Iker Casillas hat vor zehn Jahren bei Real Madrid so angefangen. Mit den ganzen Weltstars wie Zidane. Und sie haben auch Spiele verloren. Er wäre nicht so ein Großer geworden, wenn er bei einem kleinem Klub angefangen hätte. Es ist ein Umbruch beim FC Bayern München auf der Torwartposition. Im Moment fokussiert sich alles auf Fehler von Rensing. Der Unterschied zu Kahn ist zu groß. Dass er soviel Verantwortung bekommt ist okay, aber bei Bayern München ist es anders als bei einem anderen Klub. Wenn du ein Tor in einem wichtigen Spiel kassierst, bist du sowieso immer der Depp.

Sport1.de: Also soll Bayern Geduld mit Rensing haben?

Pfaff: Es gibt natürlich erfahrenere und bessere Torhüter. Sergio Romero, der Torwart von van Gaals Ex-Klub AZ Alkmaar, ist ein Supertorwart. Aber das ist eine grundsätzliche Entscheidung. Man muss den jungen Torhütern auch eine zweite Chance geben. Jetzt macht er zwar den Fehler im Pokal, aber gegen Manchester United hat er zwei Elfmeter gehalten. Er muss Stabilität bekommen und es muss ihm gesagt werden, wie und was er trainieren muss. So etwas wie im Pokal darf nicht passieren. Da schaut er blöd aus, aber da muss ein Spieler auch vorher klären. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass Bayern München groß genug ist, um Rensing groß zu machen.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel