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Ronald de Boer bestritt 67 A-Länderspiele für die Niederlande © getty

Louis van Gaals langjähriger Weggefährte Ronald de Boer spricht im Sport1.de-Interview über die Eigenarten des Bayern-Coachs.

Von Matthias Becker

München - Ronald de Boer und Louis van Gaal haben eine lange gemeinsame Vergangenheit.

Unter der Herrschaft von van Gaal war de Boer gemeinsam mit Zwillingsbruder Frank und Stars wie Patrick Kluivert oder Marc Overmars Teil der legendären Mannschaft von Ajax Amsterdam, die 1995 die Champions League gewann.

Später folgt de Boer seinem Mentor auch zum FC Barcelona, wo er zwar nicht dauerhaft überzeugte, aber immerhin unter van Gaal 1999 spanischer Meister wurde. Auch heute pflegt der 39-Jährige noch einen engen Kontakt zum neuen Trainer des FC Bayern München. 115098(DIASHOW: Die Neuzugänge der Bayern)

Im Sport1.de-Interview erklärt er, wie die Bayern mit van Gaal Erfolg haben können und warum der Trainer-Job für ihn selbst derzeit wenig reizvoll ist.

Sport1.de: Herr de Boer, kaum ein Spieler kennt Louis van Gaal so gut wie Sie. Warum ist er der perfekte Trainer für Bayern München?

Ronald de Boer: Weil seine Idee davon, wie man ein Team trainiert und mit ihm umgeht sehr gut zur deutschen Kultur passt. Die zwei Kulturen liegen nicht weit auseinander. Disziplin ist sehr wichtig, die Spieler sollen Anweisungen auch folgen. Bayern ist schon ein sehr gut strukturierter und professioneller Klub. Sie haben eine klare Philosophie und dafür ist van Gaal genau der richtige Mann.

Sport1.de: Sie haben in Amsterdam und Barcelona unter van Gaals Regie gespielt. Hat sich seine Vorstellung von Fußball über die Jahre weiterentwickelt?

de Boer: Er lernt dazu, genau wie alle anderen auch. Er passt sich der Situation an. Das gute an ihm ist aber: Er hat eine Vision. Wenn man dieser Vision nicht folgt, kann man gleich gehen. Das finde ich gut, weil er davon überzeugt ist, dass sein Weg exakt der richtige ist. Das ist klar und deutlich und die Konzentration liegt zu hundert Prozent auf seinem Ziel.

Sport1.de: Kann das für die Spieler nicht auch sehr anstrengend sein?

De Boer: Er verlangt viel, das stimmt. Es wird nicht einfach nur trainiert, sondern es steckt immer eine Idee dahinter. Es gibt Trainer die geben Übungen vor, haben aber keinen übergeordneten Plan. Bei Louis steckt immer etwas dahinter. Manchmal richtet er sein Training auch exakt auf die Schwächen eines kommenden Gegners aus und verschiebt die Balance innerhalb der Mannschaft so, dass genau diese Schwächen ausgenutzt werden können.

Sport1.de: Als Spieler van Gaals wird man also sehr gut auf den Gegner vorbereitet?

De Boer: Ja, es gibt keine Überraschungen. Man weiß immer alles über den Gegner. Er analysiert ein Team immer sehr genau, schaut sich ein Spiel auf Video vier oder fünf Mal an und kann den Spielern dann sagen, was sie tun müssen.

Sport1.de: Richtet er sich nur am Gegner aus in seiner Vorbereitung?

De Boer: Nein, nicht nur. Er nutzt das auch anders. Er geht beispielsweise hin und sagt zu Mario Gomez: "Wenn Du gegen diesen Verteidiger auf diese Art und Weise spielst, hat er keine Chance Dich aufzuhalten".

Sport1.de: Als van Gaal in München vorgestellt wurde, gab es viele Spekulationen, wen er aus den Niederlanden mitbringen würde. Auch Ihr Name wurde genannt. War das ein Thema, oder nur ein Gerücht?

De Boer: Das war kein Thema, ich verfüge auch noch gar nicht über die nötigen Lizenzen. Mein Bruder (Frank de Boer, Anm. d. Red.) wäre vielleicht interessant gewesen, weil er schon Co-Trainer der niederländischen Nationalmannschaft und Coach der U 18 von Ajax Amsterdam ist. Aber auch das war nur ein Gerücht.

Sport1.de: Kann van Gaal bei den Bayern auch den internationalen Erfolg haben, von dem die Verantwortlichen träumen?

De Boer: Meiner Meinung nach ist van Gaal der beste Trainer den es gibt. Die Chance auf Erfolg ist mit van Gaal am größten, zweifellos. Die Spieler müssen seine Philosophie verstehen, ich hoffe, er kann sie rüberbringen. Aber wenn ich ihn bei der Arbeit sehe, wirkt er sehr relaxed und ist glücklich in München. Wenn die Spieler ihm vertrauen und alle in die gleiche Richtung marschieren, stehen den Bayern großartige Jahre bevor.

Sport1.de: Es gibt und gab viele niederländische Trainer und Spieler in der Bundesliga. Profitieren letztlich beide Länder davon?

De Boer: Selbstverständlich. Wenn Spieler hier Erfolg haben, hat das einen Effekt zuhause und umgekehrt. Und wenn die niederländischen Spieler hier überzeugen, wir man nach neuen Spielern von uns Ausschau halten.

Sport1.de: Sie haben die Jobs Ihres Bruders schon erwähnt. Wäre die Trainerlaufbahn auch etwas für Sie?

De Boer: Im Moment bin ich da nicht wirklich scharf drauf. Ich kenne so viele Freunde und Ex-Kollegen wie Danny Blind oder Marco van Basten, die Trainer geworden sind und jetzt innerhalb von einem Jahr zehn Jahre älter werden. Sie bekommen graue Haare und haben einen sehr stressigen Alltag. Das will ich eigentlich nicht. Andererseits findet nächstes Jahr wieder ein Lehrgang statt und vielleicht mache ich einfach die nötigen Lizenzen, dann kann ich mir es immer noch überlegen.

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