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Thiago Neves dehnt sich - auch für seine Bundesliga-Premiere beim HSV © imago

Sie feiern Thiago Neves schon als Superstar. Doch beim HSV schlugen in der Vergangenheit die Südamerika-Zugänge kaum ein.

Von Christian Paschwitz

München/Hamburg - Den Leichtmatrosen machte er bereits seine Aufwartung: Gut gelaunt schlenderte Thiago Neves dieser Tage am Elbufer, schipperte bei Sonnenschein mit der Barkasse übers Wasser.

Ein herrlicher Tag bei ruhiger See, dazu ein leichter Wind. So ganz nach dem Geschmack des Neuzugangs vom Hamburger SV.

Knapp zwei Wochen ist Neves nun in Hamburg und meint: "Ich habe die ersten Tage sehr, sehr genossen. Es ist eine schöne Stadt. Ich freue mich, hier zu sein."

Die Erwartungshaltung ist groß

Auch Hamburg freut sich auf den 23-Jährigen - die Erwartungen an ihn sind immens. Und viele Fragen schreien nach Antworten. Zum Beispiel, inwieweit Neves beim HSV fußballerisch tatsächlich für "stärkeren Seegang" taugt. Und damit zusammenhängend auch dem Druck in einer Medienstadt wie Hamburg standhält.

Dort sind Anhänger und Öffentlichkeit schon wieder von Meisterschaftsträumen beseelt angesichts der Blitzverpflichtungen der vergangenen Wochen:

Marcell Jansen wurde beim FC Bayern losgeeist, Mladen Petric aus Dortmund -sowie aus Brasilien der erst heute von der Länderspiel-Tour ankommende Alex Silva (FC Sao Paolo) und eben Neves, dem sogleich das Etikett des Mittelfeld-Zauberers verpasst wurde.

Spannende Frage also, was der 7,5-Millionen-Einkauf von Fluminense tatsächlich kann. Und was er machen wird, wenn die Wellen - um im Bild zu bleiben - mal höher schlagen. Schon vor seiner Bundesliga-Premiere am Samstag gegen Bayer Leverkusen (15 Uhr LIVE) wird Neves als neuer Fixstern am Firmament des auf Offensive getrimmten Nord-Klubs betrachtet.

Sein Job: Spielmacher wie van der Vaart

Sein Auftrag: Nichts Geringeres, als die gleiche Spielmacher-Qualität des zu Real Madrid gewechselten Rafael van der Vaart an den Tag zu legen.

Was dieser Neves durchaus zutraut und einen ersten Vergleich wagt. "Die Freistöße schlägt er genauso wie ich. Neves hat ein sehr gutes Auge und weiß, wie man den Ball und damit das Spiel schnell macht", so der Holländer.

Eine Einschätzung, der Neves mit viel Selbstbewusstsein begegnet: "Es beeindruckt mich nicht, dass ich in seine Fußstapfen treten soll. Ich werde versuchen, mein Spiel, meinen Fußball zu spielen. Ich würde mich freuen, hier auch ein Idol zu werden."

Viel Lärm um Nichts

Die Frage muss dennoch erlaubt sein, wie lange der in Europa noch unbedarfte Youngster brauchen wird, um sich zu akklimatisieren. Sowohl in der Bundesliga, der der Winter bevorsteht, als auch kulturell und privat.

Zumal die Hamburger in den vergangenen 15 Jahren mit ihren Verpflichtungen aus Südamerika nicht unbedingt Kracher landeten, mancher mit viel Tamtam empfangener Star vieles schuldig blieb.

Flops wie Sorin und Ailton

War es nun in der vergangenen Saison der zudem durch viele Verletzungen zum Statisten degradierte Juan Pablo Sorin oder zuvor Ailton, Bernardo Romeo, Cristian Raul Ledesma, Sergio Zarate oder (bis auf seine erste Saison beim HSV) Rodolfo Cardoso.

Was in Bremen, München und Leverkusen seit langem funktioniert, schlug in Hamburg zumeist fehl. Kaum ein Brasilianer oder Argentinier genügte beim HSV den höheren Ansprüchen der Bundesliga. Dabei ein immer wieder sichtbares Spieler-Manko: Zu ballverliebt, zu wenig Defensivarbeit, physisch zu schwach.

Vernachlässigte Defensive

Ausgemachte Defizite, die trotz aller verteilter Vorschusslorbeeren auch an Neves' Adresse gerichtet werden könnten, wenn beispielsweise Rudi Wojtowicz erklärt: "Im Gegensatz zu van der Vaart geht er fast nie zurück, überlässt die Defensivarbeit anderen."

Neben dem Chefscout von Hertha BSC, bis zuletzt ebenfalls an einer Verpflichtung von Neves interessiert, meint auch van der Vaart: "Er grätscht in Zweikämpfen nicht so oft."

Offiziell wird natürlich niemand sagen, von Neves gleich Wunderdinge zu erwarten. Hinter den Kulissen darf das durchaus gelten - schließlich kommt Brasiliens achtmaliger Nationalspieler mit der Empfehlung von zehn Toren und 14 Vorlagen.

Hattrick im Finale der Copa Libertadores

Ein Hattrick gelang dem Südamerika-Import gegen LDU Quito gar im Finale der Copa Libertadores, das dennoch im Elfmeterschießen verloren ging.

Trainer Jol sagt: "Neves war letzte Saison in Brasilien die beste Nummer zehn. Kein anderer Spieler war so produktiv wie er. Das ist ungefähr auf dem Niveau von Rafael van der Vaart."

Am Samstag soll Linksfuß Neves davon eine erste Kostprobe geben. "Ich bin sehr aufgeregt", sagt der 23-Jährige, dem in Hamburg vorerst Freundin Simone und Bruder Fernando zur Seite steht.

Und Paolo Guerrero. "Mit ihm spreche ich viel", sagt Neves. Etwas Portugiesisch, etwas Spanisch - die Verständigung funktioniert. Guerrero ist Peruaner. Und immerhin ein Südamerikaner, der beim HSV nicht als gescheitert gilt.

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