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Da jubelt Martin Jol: Schon wieder hat sein Team einen Rückstand in einen Sieg gedreht © getty

Zum dritten Mal Sieg nach Rückstand, erstmals seit neun Jahren wieder Tabellenführer: Beim HSV keimen bereits zarte Titelträume.

Von Christian Paschwitz und Björn Huth

Hamburg/München - Gespielter Galgenhumor huscht einem naturgemäß leicht über die Lippen, wenn eine furiose Aufholjagd am Ende noch siegreich ausgeht.

"Mich kann nichts mehr erschrecken, wenn wir 1:0 oder 2:0 hinten liegen", sagte HSV-Keeper Frank Rost lächelnd nach dem 3:2 (1:2)-Erfolg über Bayer Leverkusen. Es war das Lächeln eines Deja-Vues.

"Man ist als Torhüter zwar nicht so begeistert, am Anfang dauernd die Bälle aus dem Tor zu holen. Aber das ist halt so, wenn man offensiv spielt wie wir."

Als Wiederholungstäter wie Rost hat man eben gut Reden. Vor allem wenn man dabei noch neuer Tabellenführer wird, das erstmals wieder nach neun Jahren. Und damit in der Hansestadt schon wieder Titelträume reifen lässt.

Drittes Happy End in Folge

Zum dritten Mal in Folge schließlich ist den Hanseaten nach einem Rückstand ein Happy End gelungen. Der abermalige Streich der Mannschaft von Trainer Martin Jol, die bereits bei den Bayern (2:2) einen 0:2-Rückstand wett machte.

Beim 4:2 in Bielefeld wiederum hatten die Hamburger gleich mehrfach hinten gelegen. Nun also das dritte Husarenstück. Diesmal gegen die Werkself, die nach zuletzt zwei Siegen einen Rückschlag hinnehmen musste.

Frust bei Labbadia

Tranquillo Barnetta (4.) und Patrick Helmes (24.) hatten die Gäste vor 55.187 Zuschauern zunächst in Führung gebracht. Dann aber sorgten die Tore von Paolo Guerrero (36.), Ivica Olic (51.) und des eingewechselten Mladen Petric (72.) für den Sieg der Hanseaten.

Deren Jubel nach Abpfiff war riesengroß. Im Leverkusener Lager dagegen war nicht nur wegen des aus den Hände gegebenen Siegs Frust angesagt: "Manuel Friedrich hat zwei Fouls gemacht, die nicht gravierend waren", polterte Bayer-Trainer Bruno Labbadia hinsichtlich des Platzverweises seines Defensivmanns kurz vor der Pause (40.).

"Wenn man da bei einem Verteidiger gleich die Gelb-Rote Karte zieht, wird es natürlich schwierig. Wir spielen hier doch kein Mensch-ärgere-Dich-nicht."

Gelb-Rot-Sünder selbstkritisch

Torschütze Helmes schlug in die gleiche Kerbe: "Bei elf gegen elf wäre das Spiel anders ausgegangen." Erbost war ebenso der Betroffene selbst ("Die zweite Gelbe war gar nichts"). Wenngleich Friedrich sein sehr rustikales Einsteigen gegen Joris Mathijsen auch selbstkritisch sah: "Wenn man kurz vorher schon Gelb gekriegt hat, muss man sich cleverer anstellen."

Anerkennen allerdings mussten auch die Leverkusener Moral und Teamgeist, mit der die Kontrahenten beim recht ordentlichen Debüt ihres brasilianischen Neuzugangs Thiago Neves ("Das war ein heftiges Spiel") zum Halali bliesen: "Wir haben wieder mal gezeigt, welche Qualität wir haben und wie selbstbewusst wir sind", sagte Kapitän Jarolim.

Dabei hatte der HSV zunächst überhaupt nicht ins Spiel gefunden. Besonders anfällig dabei: die linke Abwehrseite. So leitete ein schwerer Patzer von Nigel de Jong die Gäste-Führung ein, als der Niederländer in der eigenen Hälfte den Ball Stefan Kießling genau vor die Füße spielte, Barnetta schließlich vollendete.

Patzer von de Jong

Als erneut de Jong und Thimothee Atouba bei Helmes' 0:2-Lupfer Pate standen, schien alles auf eine klare und erster Hamburger Saison-Niederlage hinauszulaufen. Stattdessen leitete Guerrero per Kopf die Hamburger Wende ein.

Nach Friedrichs Platzverweis sorgten dann Olic und der gerade mal zwei Minuten zuvor eingewechselte Petric für das Happy End.

"Wir haben jetzt die Erfahrung zu wissen, wie das ist, hinten zu liegen", begründete Trainer Jol hinterher die erneut erfolgreiche Aufholjagd. "Aber ich möchte natürlich, dass es anders ist."

Rost warnt, aber...

Von Titel-Ambitionen wollen die Hamburger deshalb offiziell auch (noch) nichts wissen: "Wenn man Deutscher Meister werden will, muss man anders spielen. Vor allem defensiv."

Auch Rost gibt den Warner: "wir müssen in der ganzen Euphorie lernen, auch hinten sicher zu stehen. Es kommen auch Zeiten, in denen das mal nach hinten losgehen kann."

Gleichwohl wissen sie in Hamburg, dass es nicht nur Glück ist, das die Anhängerschar jubilieren lässt, sondern auch fußballerische Qualität: "Das zeigen ja die ersten vier Spiele", beantwortete Matchwinner Petric die Frage, inwieweit der HSV nun vom Titel träumen darf.

Selbst Rost lässt zwischen den Zeilen durchblicken, dass trotz der derzeitigen Aussetzer in der Defensive, das Thema Meisterschaft durchaus in den Köpfen herumspukt: "Wenn wir die Balance finden, dann ist auch wieder was Großes möglich in Hamburg." Und dann lächelt er wieder.

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