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Zwischen 1976 und 1991 bestritt Klaus Augenthaler 404 Spiele für den FC Bayern © getty

Klaus Augenthaler spricht im Interview über Bayern-Star Arjen Robben - und die Stärken und Schwächen des Systems Louis van Gaal.

Von Mathias Frohnapfel

München - Wie wichtig die richtige Balance in einer Mannschaft ist, weiß Klaus Augenthaler nur zu gut.

Mit dem FC Bayern hat er siebenmal die deutsche Meisterschaft gefeiert, das Team jahrelang als Kapitän geführt und danach auch noch den Co-Trainer gemacht.

Später trainierte Augenthaler als Chef unter anderem Bayer Leverkusen, den 1. FC Nürnberg und den VfL Wolfsburg.

Im Sport1.de-Interview warnt der Weltmeister von 1990 vor dem Bundesliga-Spiel in Dortmund (Sa., ab 15 Uhr LIVE) vor allzu viel Euphorie um Arjen Robben.

Und er spricht über die richtige Mischung aus Offensive und Defensive, Stärken und Schwächen des neuen Trainers Louis van Gaal und erklärt, warum die Münchner Lucio nicht vermissen müssen.

Sport1.de: Herr Augenthaler, erst gegen Wolfsburg gab es für Bayern den ersehnten ersten Saisonsieg. Wie bewerten Sie den Saisonstart?

Klaus Augenthaler: Van Gaal hat ja schon vorgewarnt, dass es eine Weile dauern kann, bis alles zusammenpasst. Er musste schauen, ob das Spielermaterial zu seinem System taugt. In erster Linie braucht ein Trainer zu Beginn positive Ergebnisse, dann kann er weitersehen.

Sport1.de: Hat Bayern nun die Balance aus Abwehr und Offensive gefunden?

Augenthaler: Da wird mir zu viel in Schwarz und Weiß gedacht. Vorher war alles schlecht, jetzt gewinnt man 3:0 gegen Wolfsburg und mit Robben ist alles perfekt und auf einmal geht es nur noch bergauf.

Sport1.de: Was stört Sie?

Augenthaler: Man vergisst, dass Wolfsburg schlecht gespielt hat und auch noch zwei tausendprozentige Chancen vergeben hat. Was in Erinnerung bleibt, ist aber das 3:0. Van Gaal wird dennoch darüber nachdenken, wo die Schwächen liegen.

Sport1.de: Und wo liegen diese Defizite?

Augenthaler: Bayern ist international offensiv sehr gut aufgestellt. Defensiv muss man sich finden. Das fängt schon bei der Torwartdiskussion an: Rensing raus, Butt rein. Wer spielt in der Innenverteidigung die dominante Rolle? Van Buyten oder Demichelis, wenn er wieder fit ist? Da fehlt noch die richtige Abstimmung. Ob man zu offensiv aufgestellt ist, ist eine Frage des Charakters.

Sport1.de: Können Sie das erklären?

Augenthaler: Ich habe das ja am eigenen Leib erlebt. Mit Leverkusen haben wir 2004 gegen Real Madrid 3:0 gewonnen und gegen Bayern 4:1. Da hat jeder Offensivkünstler, ob Dimitar Berbatov, Franca oder Robson Ponte gegen diese Mannschaften so viel nach hinten gearbeitet, dass die sich gar nicht entwickeln konnten. Drei Tage nach dem Sieg gegen Bayern verliert man in Mainz 0:2, weil die Offensivkünstler stehen bleiben und sagen: Die können eh nicht gut Fußball spielen. Dafür sind andere zuständig.

Sport1.de: Zaubern allein funktioniert also nicht?

Augenthaler: Nein, die Stars müssen auch nach hinten arbeiten. Van Gaal hat seine Philosophie, legt viel Wert auf das Passspiel und das ballbestimmende Spiel. Meine persönliche Meinung ist, dass da das ein oder andere zu kurz kommt. Vielleicht traut sich ein Spieler auch nicht, den langen oder riskanten Ball zu spielen. Und van Gaal ist rigoros, wenn einer zu viele Fehler macht. Das hat man bei Rensing gesehen.

Sport1.de: Andererseits haben die Münchner sich bewusst einen strengen Trainer gewünscht, der klar sagt: Ja oder Nein.

Augenthaler: Ich denke, die Jungs brauchen das auch. So ein Ausnahmespieler wie Franck Ribery mag lustig sein und mag Spaß haben im Training. Aber er kann seine Art auch im Spiel umsetzen.

Sport1.de: Wie sehen Sie die Forderung des Franzosen nach mehr Spaß bei den Übungseinheiten?

Augenthaler: Wenn ich Erfolg haben möchte, muss ich auch dementsprechend arbeiten. Training ist harte Arbeit und nicht Spaß.

Sport1.de: Wie wirkt sich Lucios Weggang auf die FCB-Defensive aus?

Augenthaler: Wie sehr Lucio fehlt, ist schwer zu sagen. Aber er war nicht der Führungsspieler, der die Mannschaft mitriss, weil er vielleicht zu ruhig, zu introvertiert war. Vielleicht kann es ein Martin Demichelis schaffen, der sehr gut deutsch spricht und in der Mannschaft angesehen ist.

Sport1.de: Wie schwer wiegt, dass Kapitän Mark van Bommel derzeit fehlt?

Augenthaler: Das ist ein großes Problem. Er hat in den vergangenen Monaten immer mehr an Akzeptanz gewonnen. Er weiß, wo es lang geht und setzt auch die Vorgaben des Trainers um.

Sport1.de: Wie erklären Sie sich die Formschwankungen von Bastian Schweinsteiger?

Augenthaler: Ich weiß nicht, wie viel Selbstvertrauen ein Bastian Schweinsteiger hat. Oder ob er Angst hat, dass er sofort wieder draußen ist, wenn er nicht gut spielt.

Sport1.de: Was trauen Sie den Bayern in der Champions League zu?

Augenthaler: Im Sturm sind sie im Vergleich zu vielen europäischen Spitzenmannschaften gut aufgestellt. Bei der Abwehr muss man abwarten. Auch ob Holger Badstuber die Erwartungen schon erfüllt. Ich finde es aber gut, dass van Gaal ihm die Chance gibt.

Sport1.de: Ist das Halbfinale möglich?

Augenthaler: Das ist jetzt alles hypothetisch und Wunschdenken. Weiterentwickeln kann sich die Mannschaft nur bei entsprechenden Ergebnissen.

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