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Felix Magath: "Schalke ist die größte Herausforderung, die ich je angenommen habe" © getty

Schalke steht tief in den roten Zahlen. Trainer Felix Magath fordert Geld und sieht die Meisterschaft in weiter Ferne.

Von Martin Volkmar

München - Dortmunder Verhältnisse sind so ziemlich das Letzte, was sie auf Schalke gebrauchen können.

Doch die derzeitigen großen finanziellen Probleme der Königsblauen erinnern frappierend an die Situation beim schwarz-gelben Erzrivalen im Jahr 2005.

Damals stand der BVB kurz vor dem Bankrott, wurde erst durch die Hilfe externer Fachleute in letzter Minute gerettet.

Seitdem backen die Borussen kleinere Brötchen, weil ihnen das vergebliche Wettrüsten mit Rekordmeister FC Bayern beinahe das Genick gebrochen hätte.

Auch bei Schalke 04 sieht es momentan so aus, als habe das Ziel, endlich die erste Meisterschaft seit 1958 zu holen, den Blick für die wirtschaftlichen Realitäten verstellt.

137 Millionen Euro Schulden

Fakt ist: Die Gelsenkirchener haben rund 137 Millionen Euro Verbindlichkeiten, nachdem diese innerhalb von einem Jahr um satte 30 Prozent gestiegen sind.

"Der Verein hat nicht nur kein Geld, er braucht welches", gab Trainer Felix Magath freimütig im "Express" zu.

Andernfalls könnte die Abwärtsspirale nicht mehr aufzuhalten sein.

Nach Informationen des "Spiegel" hat der Aufsichtsrat den neuen Finanzchef Peter Peters beauftragt, schon bis Jahresende 20 Millionen Euro zu besorgen und bis Saisonende weitere zehn Millionen.

Die logische Schlussfolgerung, dass die Schalker Finanzlücke 30 bis 35 Millionen Euro beträgt, lässt sich auch aus Magaths Aussagen über einen Verkauf von Rafinha herauslesen.

"Bei 35 Millionen könnte ich mich überwinden", antwortete der sportliche Alleinherrscher auf die Frage nach der Schmerzgrenze für einen Wechsel.

Rafinha kann gehen

Dann wären die dringendsten Sorgen wohl beseitigt ? doch mehr als zehn Millionen Euro dürfte selbst der für Magath "beste Rechtsverteidiger der Bundesliga" kaum bringen.

Der Chefcoach preist den Brasilianer förmlich zum Verkauf an. "Wenn er seine Leistung bringt, dann können die Bayern es sich eigentlich nur anders überlegen und anrufen", sagte er.

"Auch zu anderen Vereinen kann Rafinha von mir aus gehen, denn es macht keinen Sinn, Spieler zu fesseln."

Tönnies: "Es gibt keine Notverkäufe"

Dennoch widerspricht Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies dem offensichtlichen Eindruck, dass den Schalkern das Wasser bis zum Hals steht. "Es wird keine Notverkäufe geben, weil es bei uns keine Not gibt", sagte er der "WAZ".

Daher werde man Rafinha auch nur verkaufen, wenn der Preis stimmt.

Als Beweis dient ihm die Absage an Sampdoria Genua, das Ende August sechs Millionen Euro Ablöse bot, sowie Atletico Madrid und Juventus Turin, die den 24-Jährigen sogar nur ausleihen wollten.

Dass es aber in der Kasse alles andere als rosig aussieht, dementiert bei den "Knappen" keiner mehr. Und auch der Zwang, Spieler aus dem überteuerten Kader abzugeben, ist eine Tatsache.

"Wir sind guten Mutes, dass wir im Winter den einen oder anderen Spieler verkaufen können", meint Tönnies. Fraglich ist allerdings, woher er den Optimismus nimmt.

Denn aussortierte Top-Verdiener wie Albert Streit und Vicente Sanchez sind kaum noch vermittelbar, andere wie Gerald Asamoah und Levan Kobiashvili wollen nicht weg und haben sich zudem in die Startformation zurückgekämpft.

Personaletat nicht gekürzt, sondern erhöht

So stieg der Schalker Personaletat aufgrund des teuren Magath-Deals sogar von 55 Millionen auf etwa 60 Millionen Euro, obwohl Ex-Finanzchef Josef Schnusenberg eine Verringerung um mindestens zehn Millionen angekündigt hatte.

Nicht nur das war offenbar der Grund für die Entmachtung des ehrenamtlichen Vorstandsvorsitzenden, der sämtliche Kompetenzen für den finanziellen Bereich an Peters abgeben musste.

Schnusenberg wird intern für die aktuellen Probleme verantwortlich gemacht, weil die Schalker, trotz hoher Millionen-Einnahmen unter anderem durch Verträge mit Gazprom und adidas sowie aus der Champions League, tiefrote Zahlen schreiben.

Finanzpolitik erinnert an den Erzrivalen

Grund dafür ist eine Finanzpolitik, die ebenfalls stark an Borussia Dortmunds früheres Verhalten erinnert: Künftige Einnahmen wurden bereits für die Zukunft verplant, auch wenn sie noch gar nicht feststanden, etwa bei den Europacup-Einnahmen.

Entsprechend gravierend schlug der K.o. in der Champions-League-Qualifikation im Vorjahr und erst recht das Verpassen eines internationalen Wettbewerbs in der vergangenen Saison ins Kontor.

"Es ist eng, weil wir letzte Saison in allen Wettbewerben gescheitert sind", räumt Tönnies immerhin ein.

Aufsichtsrat soll verschwundene Millionen suchen

Laut "Spiegel" hat der Aufsichtsrat deshalb sein Mitglied Till Zech, Dozent für Unternehmensrecht im Bundesfinanzministerium, beauftragt, nach den verschwundenen Millionen zu suchen.

Für neue Einnahmen soll ausgerechnet Peters sorgen, obwohl der Geschäftsführer als Vorstandsmitglied die fehlgeschlagenen Planungen der letzten Jahre mitgetragen hat.

Denn schon Ende 2006 "brannte auf Schalke die Hütte", wie es der Gazprom-Generalbevollmächtigte Claus Bergschneider nun der "WAZ" bestätigte.

Doch die 125 Millionen Euro für den Fünfjahresvertrag reichten damals nicht mal, um die auf rund 200 Millionen Euro geschätzten Schulden zu begleichen.

Tönnies half schon einmal aus

Vielmehr halfen einige Schalker Würdenträger wie Ex-Manager Rudi Assauer und Aufsichtsrat Tönnies mit Privatkrediten aus, letzterer stellte laut "kicker" sieben Millionen Euro bereit.

Vielleicht nährt sich daher auch die Zuversicht des schwerreichen Fleischfabrikanten, der trotz aller Hiobsbotschaften noch immer behauptet:

"Ich schlafe ruhig. Wir würden auch ohne Spielerverkäufe im Winter die Saison ordentlich zu Ende spielen."

Spätestens dann aber könnte es ans Eingemachte gehen mit dem Verkauf von Leistungsträgern wie Manuel Neuer, Heiko Westermann und Jermaine Jones oder auch dem "Tafelsilber".

Verkauf der Arena auf dem Prüfstand

"Alles muss auf den Prüfstand", sagte Magath der "Bild": "Stadion, Marketingrechte, Catering - es darf keine Tabus geben, vielleicht müssen wir etwas verkaufen."

Ändern kann das wohl nur der neue Hoffnungsträger selbst: Mit der Qualifikation für den Europacup, die neben den TV-Einnahmen auch einige Millionen Erfolgsprämien durch Gazprom nach sich ziehen würde.

Die Wende aber muss der Chefcoach mit Talenten wie Christoph Moritz, Carlos Zambrano, Levan Kenia und anderen Youngstern schaffen.

Deshalb rückt er von seinem vollmundigen Ziel, Schalke binnen vier Jahren endlich zum Titel zu führen, bereits ab:

"Ich weiß jetzt, dass ich die Probleme hier nicht so schnell lösen kann", sagte er.

Und weiter: "Wenn die finanzielle Situation hier nicht verbessert wird, ist eine Meisterschaft kein Thema."

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