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Stefan Kießling kam 2006 aus Nürnberg zu Bayer Leverkusen © getty

Stefan Kießling spricht bei Sport1.de über den Lauf mit Bayer Leverkusen und die Nichtnominierung für die Nationalmannschaft.

Von Thorsten Mesch

München - Einen Werbevertrag für Rasierschaum wird Stefan Kießling so schnell wohl nicht mehr bekommen.

Seit Bayer Leverkusens Stürmer trifft wie am Fließband, sprießt der Bart des blonden Franken - denn wer rasiert, verliert.

In bislang allen fünf Bundesligapartien netzte der 25-Jährige ein (DATENCENTER: Die Bundesliga-Torjäger).

Am Sonntag trifft "Kies" mit Bayer auf Werder Bremen (17.15 Uhr LIVE) - und könnte mit seinem Team je nach Abschneiden des Hamburger SV an die Tabellenspitze springen.

Zudem würde Kießling mit einem weiteren Treffer alleiniger Rekordhalter: In den ersten sechs Spielen einer Saison traf noch niemand.

Überholen würde er neben Dietmar Danner, Carsten Jancker und Dimitar Berbatov auch Fredi Bobic. "Rekorde sind da, um gebrochen zu werden, und Stefan kann es schaffen", sagt Bobic bei Sport1.de in seinem Spieltags-Tipp: "Ich wünsche es ihm."

Im Interview mit Sport1.de spricht Kießling über den Lauf mit Bayer, seinen neuen Coach Jupp Heynckes und die Nichtnominierung für die Nationalmannschaft.

Sport1.de: Herr Kießling, juckt der Bart?

Kießling: Gelegentlich schon. Ganz besonders in den Momenten, in denen ich Tore schieße. Komisch, oder?

Sport1.de: Eigentlich ein guter Gag, um Publicity zu bekommen, denn in den Medien wird das Thema immer wieder aufgegriffen. Absicht oder eine spontane Idee?

Kießling: Eine spontane Idee natürlich. Auf Publicity bin ich nun wirklich nicht aus. Ich hätte aber auch niemals gedacht, dass jetzt so eine Riesensache daraus gemacht wird. Die Idee ist ja nicht neu. Im Eishockey zum Beispiel hat das doch schon so einen Bart.

Sport1.de: Am Samstag im "Sportstudio" waren Sie anscheinend sehr erleichtert, gegen den sieben Jahre alten Knirps wenigstens einmal getroffen zu haben. Welche Sprüche mussten Sie sich danach von Ihren Mitspielern anhören?

Kießling: Die haben sich schön zurückgehalten. Es hat schließlich schon einige gegeben, die gar nicht an der Torwand getroffen haben. Und der Junge war doch auch sensationell.

Sport1.de: Hätte es eine besondere Bedeutung für Sie, als einziger Spieler der Bundesligageschichte in den ersten sechs Saisonspielen getroffen zu haben?

Kießling: Dann würde ich in einer Statistik ganz oben stehen, die nicht wirklich interessiert. Was nützten mir diese sechs Tore, wenn ich anschließend nicht mehr regelmäßig treffen würde? Natürlich freue ich mich über meinen Lauf, es darf gerne so weiter gehen. Aber am Ende zählt nur, dass wir als Mannschaft gewinnen. Wenn ich dann mal nicht treffe, wir aber trotzdem die Punkte holen, dann ist das auch in Ordnung. Aber klar ist, dass ich es gegen Bremen wieder versuchen werde.

Sport1.de: Per Mertesacker, Clemens Fritz und Tim Wiese werden sicher etwas dagegen haben?

Kießling: Ich schätze nicht nur die.

Sport1.de: Wie wichtig war der Sieg in Wolfsburg als erste "echte" Standortbestimmung?

Kießling: Beim Deutschen Meister zu gewinnen, gibt natürlich viel Selbstvertrauen. Wobei wir uns dort das Leben noch unnötig schwer gemacht haben. Da hat sich gezeigt, dass wir noch viel zu arbeiten haben. Aber ich denke, dass wir auch in den vorherigen Spielen nicht gerade gegen Laufkundschaft gespielt haben.

Sport1.de: In der Vorsaison war Leverkusen nach dem 6. Spieltag Zweiter, am 12. und 13. sogar Erster, doch dann kam der Absturz. Wie kann es Bayer 04 schaffen, endlich mal wieder über eine komplette Spielzeit konstante Leistungen zu bringen, damit der Verein am Ende nicht wieder mit leeren Händen dasteht?

Kießling: Wir haben gelernt, wichtige Erfahrungen gemacht. Wir müssen einfach aufpassen, in der Frühphase der Saison nicht zu überreizen, damit uns am Ende nicht die Luft ausgeht.

Sport1.de: Seit Sie in Leverkusen sind, wurde Bayer zunächst Fünfter, dann Siebter und zuletzt Neunter. Diese Tendenz entspricht aber wohl kaum dem Potenzial der Mannschaft. Wie sehen Sie die Entwicklung des Teams und wo geht es hin?

Kießling: Ich hoffe doch genau in die andere Richtung. Wie gesagt: Wir haben aus unseren Fehlern gelernt.

Sport1.de: Die Mannschaft wirkt jetzt schon stabiler. Inwiefern ist das auch das Verdienst von Jupp Heynckes?

Kießling: Der Trainer spielt natürlich eine ganz große Rolle. Er sorgt für viel mehr Ruhe, er bringt seine Erfahrung ein und arbeitet intensiv mit uns. Jupp Heynckes weiß, wovon er spricht.

Sport1.de: Welche Rolle spielt ein "alter Hase" wie Sami Hyypiä für die Ordnung innerhalb der Mannschaft auf dem Platz? Was können Sie von einem derart erfahrenen Spieler lernen?

Kießling: Sami war bei uns von Anfang an als Persönlichkeit anerkannt. Er ist nicht nur auf dem Platz eine Institution. Er strahlt unheimlich viel Routine aus. Da kann sich jeder etwas abschauen. Er hat nicht umsonst so viel Erfolg in Liverpool gehabt. Wir sind froh, dass er da ist.

Sport1.de: Welche Qualitäten ihres Sturmpartners Eren Derdiyok würden Sie herausstellen? Wie harmonieren Sie?

Kießling: Wie wir harmonieren, hat man ja an unserer Torquote gesehen. Eren ist sehr schnell, sehr wuchtig und kopfballstark. Er läuft viel und setzt die gegnerische Abwehr unter Druck. Es macht richtig Spaß, mit ihm zu spielen.

Sport1.de: Vermissen Sie Patrick Helmes? Bis zur WM ist es noch lange hin, aber wie schätzen Sie seine Chancen auf die rechtzeitige Rückkehr in die Nationalmannschaft ein?

Kießling: Einen Stürmer wie den Pat muss man vermissen. Er hat eine Riesenqualität. Aber er sollte erst einmal wieder richtig fit werden, bevor man über seine Nationalmannschaftschancen spricht.

Sport1.de: Was wäre eine größere Enttäuschung für Sie: das erneute Nichtereichen eines Europacupplatzes mit Bayer oder eine bis zur WM anhaltende Nichtnominierung für die Nationalmannschaft?

Kießling: Über mögliche Enttäuschungen denke ich gar nicht nach. Ich bin positiv eingestellt. Das ist der bessere Weg. Wenn wir mit Bayer erfolgreich sind, verbessern sich auch meine Chancen in der Nationalmannschaft. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Also versuche ich erst einmal, im Klub meine Leistung zu bringen. Nur so kann ich mich anbieten.

Sport1.de: Sie gehen mit dem Thema DFB-Team sehr gelassen um. Sind Sie tatsächlich so entspannt oder nerven Sie die ständigen Fragen allmählich?

Kießling: Mich aufzuregen bringt mich ja nicht weiter.

Sport1.de: Wer hilft Ihnen dabei? Der Verein, Bayer-Teamkollegen, die in der Nationalmannschaft spielen wie Rene Adler oder Simon Rolfes, Freunde oder die Familie? Oder "bewältigen" Sie die Situation alleine?

Kießling: Ich muss doch nichts bewältigen. Das wäre Jammern auf hohem Niveau. Aber es stimmt, dass ich viel Unterstützung bekomme. Von allen Seiten.

Sport1.de: Nach dem Bremen-Spiel geht es zum Derby nach Köln, dann kommt der Club aus Nürnberg. Die "besonderen" Spiele reißen gar nicht ab. Welche Bedeutung haben diese beiden Partien für Sie?

Kießling: Gegen den Club zu spielen, ist für mich schon noch etwas Besonderes. Da bin ich schließlich fußballerisch groß geworden. Und in einem Derby ist immer jede Menge los. Für solche Momente spielt man Fußball.

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