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Schluss nach 1542 Tagen in Bochum: Trainer Marcel Koller © getty

Nach der Pleite gegen Mainz muss der Coach gehen. Die Art der Trennung ist indes kurios. Eine Interimslösung steht.

Von Christian Paschwitz

München - Es hatte sich abgezeichnet nach der 2:3 (2:1)-Niederlage gegen Aufsteiger Mainz 05 - jetzt ist es Gewissheit:

Marcel Koller muss beim VfL Bochum seinen Hut nehmen. Am Sonntagabend trat der Ruhrpott-Klub die Notbremse und setzte dem Trainer den Stuhl vor die Tür.

Vorstand und Aufsichtsrat des VfL reagierten damit auf den schwachen Saisonstart mit gerade mal vier Punkten aus sechs Partien. (DATENCENTER: Der 6. Spieltag).

Die viel zitierten Mechanismen der Branche griffen erneut.

Frühere Entlassung im Netz

Zu denken indes gibt die Art und Weise der Entlassung, denn: Vor der offiziell verlautbarten Trennung um 19.45 Uhr hatte der VfL Koller schon im Internet gefeuert - mehr als vier Stunden vorher.

11 Minuten nachdem Koller um 15.07 Uhr das Trainingsgelände verlassen hatte, stand auf der VfL-Homepage bereits die fertige Pressemeldung:

"Der VfL Bochum 1848 hat sich am Sonntag, dem 20. September, von Marcel Koller getrennt. Ab sofort übernehmen Frank Heinemann und Dariusz Wosz als sein Co-Trainer die Leitung der Bundesligamannschaft."

Ein VfL-Sprecher entschuldigte die Internet-Panne hinterher: "Diese Pressemitteilung war nur für den Fall der Fälle vorbereitet. Kam durch ein Missverständnis auf unsere Seite."

Dritter Trainer-Rauswurf der Saison

Am Sonntagabend wurde die Meldung - mit leichten Änderungen - dann noch mal auf die Klub-Homepage gestellt.

Koller ist nach Jörn Andersen (Mainz) und Dieter Hecking (Hannover) schon der dritte Trainer, der in der laufenden Saison seinen Hut nehmen musste.

Beim Pokal-Knüller gegen den FC Schalke 04 am Dienstag (ab 20 Uhr LIVE) betreuen Heinemann sowie Ex-Nationalspieler und A-Jugendtrainer Wosz die Mannschaft als Interimstrainer.

"Sie haben jetzt unser Vertrauen. Wir werden jetzt in aller Ruhe auf die Suche gehen", so Sportvorstand Thomas Ernst, der danach auf einen Trainer hofft, "der wieder neuen Schwung rein bringt."

Gleichwohl "großer Dank"

"Letztlich war die Entwicklung in den letzten Wochen ausschlaggebend. Die Mannschaft ist zum Teil lethargisch aufgetreten", begründete Ernst die Personalentscheidung nach mehrstündigen Beratungen der VfL-Gremien mit.

Gleichwohl sei man Koller "zu großem Dank verpflichtet".

"Unter ihm sind wir im vierten Jahr erstklassig, das ist uns seit dem ersten Abstieg 1993 nicht mehr gelungen. Wir wünschen ihm alles Gute für seinen weiteren Weg."

Nicht nur das schwache sportliche Abschneiden, auch das völlig vergiftete Verhältnis zu den VfL-Anhängern und damit einhergehende fehlende Einnahmen durch den rasanten Zuschauerschwund kosteten Koller am Ende den Job.

Pulverfass seit langem

Der Trainer, der seit 1. Juli 2005 insgesamt 1542 Tage für den VfL tätig war, saß schon lange auf einem Pulverfass.

"Das ist keine einfache Situation für den Verein. Es baut sich eine Wand auf. Wir laufen Gefahr, die emotionale Bindung unserer Fans zu verlieren", fürchtete Ernst bereits am Samstagabend.

Dennoch habe man sich nun nicht dem Votum der Fans gebeugt, betonte Ernst: "Koller hat oft gezeigt, dass er solchen Widerständen trotzt und krisenfest ist."

Keine Argumente mehr?

Trotzdem gingen der Vereinsspitze, die bereits zahlreiche Täler mit dem Fußball-Lehrer durchschritten hatte, jetzt endgültig die Argumente aus, um ein abermaliges Festhalten an Koller zu rechtfertigen.

Bisher hatten den Trainer zwischenzeitliche sportliche Erfolge stets vor einer drohenden Entlassung bewahrt.

So gelang es dem Schweizer, der noch einen Vertrag bis 2010 besaß, den VfL nach dem Aufstieg 2006 dreimal nacheinander vor dem Abstieg zu bewahren.

Massive Fan-Proteste

Direkt nach der Heimpleite gegen Aufsteiger Mainz waren die Fan-Proteste dann eskaliert.

"Koller raus" und "Wir haben die Schnauze voll" brüllten mehrere Hundert erboste Anhänger.

Die Polizei hatte Mühe, Schlimmeres zu verhindern.

"Ich kenne die Situation, weil ich sie hier schon oft erlebt habe. Aber ich habe es immer wieder geschafft, den VfL in der ersten Liga zu halten", hatte Koller sich nach der Partie noch relativ unbeeindruckt gezeigt und einen freiwilligen Rückzug ausgeschlossen.

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