Bochums Aufsichtsratsboss Werner Altegoer verteidigt vor dem Pokal-Derby gegen Schalke bei Sport1.de den Rauswurf von Marcel Koller.

Von Martin van de Flierdt

München - Unter normalen Umständen würden die Anhänger des VfL Bochum einem Spiel wie dem am heutigen Abend schon seit Wochen entgegenfiebern.

Zweite DFB-Pokalrunde, Flutlichtspiel im rewirpowerstadion und zu Gast ist der große Nachbar und Ruhrpottrivale Schalke 04 (ab 20.15 Uhr LIVE) - besser geht?s kaum.

Doch die Umstände in Bochum sind derzeit alles andere als normal. Die stetig wachsende Spannung zwischen Fans und Mannschaft, insbesondere aber zwischen Anhang und Trainer Marcel Koller hat am Sonntag dazu geführt, dass der Schweizer seine Koffer packen musste.

"Was da jetzt jahrelang schon abläuft... Da muss man schauen: Was ist noch zumutbar und was nicht mehr?", erläuterte VfL-Aufsichtsratsboss Werner Altegoer den Entschluss im Gespräch mit Sport1.de.

"Wenn man sich dann zusammensetzt und feststellt, dass die Stimmung im Großteil der Anhängerschaft nun einmal so ist wie sie ist, dann muss man dem irgendwie Rechnung tragen."

Dass die Fans allein Koller zu Fall gebracht hätten, verneinte er aber: "Die Beurlaubung ist unter der Würdigung der Gesamtumstände geschehen, die wir in Bochum haben. Wir haben uns von Herrn Koller nach einer einstimmigen Entscheidung im Aufsichtsrat getrennt. Wir werden ihm auch in Zukunft in die Augen sehen können."

"Maßnahme wird Kollers Arbeit nicht gerecht"

Letzteres sei ihm wichtig, betonte der 75-Jährige. "Herr Koller ist ein hervorragender Trainer, an dieser Einschätzung hat sich nichts geändert. Wir wissen, was wir an ihm hatten", sagte er.

"Der Arbeit von Herrn Koller wird unsere Maßnahme auch nicht gerecht. Aber wir können ihm keinen besseren Kader zur Verfügung stellen. Wenn sich der Torwart den Kiefer bricht und der beste Angreifer die Hand, dann ist das eine Schwächung, die wir nicht regulieren können."

Der VfL habe eben keine Nationalspieler auf der Bank. Wie schon Koller im Sport1.de-Interview anführte, hält auch Altegoer die Erwartungshaltung in Teilen des Bochumer Umfelds für übertrieben.

Auf dem Niveau von Mainz und Freiburg

"Man kann ruhig deutlich werden: Mainz, Freiburg und der VfL Bochum haben ungefähr dieselben Mittel", ordnet Altegoer seinen Klub in der Finanzhierarchie der Bundesliga auf einem Abstiegsplatz ein.

Ab und an ein Highlight zu setzen wie 1997 oder 2004, als jeweils Platz fünf heraussprang, sei zwar möglich, werde aber immer schwieriger. "Mehr geht nicht. Wir müssen froh sein, Erste Liga geboten zu kriegen und die Spitzenvereine zu Besuch zu haben. Das ist unsere Situation", meint der 75-Jährige.

Diese Botschaft aber zur Mehrheit des eigenen Anhangs transportiert zu bekommen, "kriegen wir offenbar nicht gebacken". Dass die jüngsten Leistungen auch seinem Anspruchsdenken nicht entsprachen, verhehlt Altegoer allerdings nicht.

Trennungszeitpunkt ungünstig, aber unaufschiebbar

"Wir sind so blutleer rumgelaufen, da musste irgendwann eine Entscheidung her", räumt er ein. Den Zeitpunkt zwei Tage vor dem Pokalderby sieht auch er als nicht besonders günstig an: "Natürlich wollen wir da weiterkommen. Aber die Entscheidung deswegen aufzuschieben, hätte ja keinen Zweck gehabt."

Dass der VfL mit Frank "Funny" Heinemann, der seit 33 Jahren im Klub ist, und dem langjährigen Kapitän Dariusz Wosz zwei Integrationsfiguren vorerst die Leitung der Mannschaft übertragen hat, habe nicht primär den Grund, dem Team damit die Unterstützung aus dem Fanblock zu garantieren.

"Natürlich ist das auch wichtig. Aber wir haben ja keine wilden Fans. Das kann man so nicht stehen lassen, obwohl mich die Reaktionen am Samstag schon überrascht haben", sagt Altegoer.

Interimsduo einzige Möglichkeit

"Wir machen das, was uns möglich ist. Heinemann und Wosz sind die einzige Möglichkeit, die wir haben. Wir verfügen hier ja nicht über eine ganze Reihe von Fußballlehrern." An eine Dauerlösung Heinemann/Wosz "glaube ich eher nicht", ist der Aufsichtsratsboss offen.

Namen wie Heiko Herrlich oder Mike Büskens stehen als potenzielle Koller-Erben im Raum, dazu die üblichen Verdächtigen wie Friedhelm Funkel oder Mirko Slomka. Gegen Schalke aber soll das Interimstrainerduo den Umschwung einleiten, ehe es zum wichtigen Spiel nach Nürnberg geht.

"Ich bin gespannt, wie die Mannschaft beieinander ist", gibt Altegoer zu. "Man kann ja nicht auf den Knopf drücken und alles ist gut."

Deshalb ist seine Antwort auf die Frage, was Heinemann und Wosz in nur knapp zwei Tagen mit der Mannschaft ausrichten können, auch sehr nüchtern: "Ganz ehrlich? Gar nichts."

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