Nach seiner Beurlaubung beim VfL Bochum spricht Trainer Marcel Koller über die möglichen Gründe und den Einfluss der Fans.

Von Martin van de Flierdt

München - Knapp viereinhalb Jahre dauerte die Ära Marcel Koller beim VfL Bochum.

Nach einem Bundesliga-Aufstieg und drei Nicht-Abstiegen - durchaus eine Leistung für einen Verein, der sich vom Budget her mit Aufsteigern wie Mainz 05 oder SC Freiburg auf Augenhöhe sieht - trennte sich der Verein am Sonntag unter bemerkenswerten Umständen von dem Schweizer.

Die 2:3 (2:1)-Niederlage gegen Mainz 05 und das Abrutschen auf den vorletzten Tabellenplatz waren für Vorstand und Aufsichtsrat Grund genug zum Handeln. (DATENCENTER: Der 6. Spieltag).

"Es ist ja einfach nicht so, dass man mir groß etwas vorwerfen kann", sagt Marcel Koller. "Wir haben viele schwierige Phasen überstanden und spielen im vierten Jahr hintereinander in der Bundesliga. Das ist 16 Jahre lang in Bochum keinem anderen Trainer gelungen."

Vor dem Bochumer DFB-Pokalderby gegen den FC Schalke 04 am Dienstag (ab 20 Uhr LIVE) spricht der 48-Jährige im Sport1.de-Interview über die möglichen Gründe seiner Beurlaubung, den Einfluss der Fans und die zu hohe Anspruchshaltung.

Sport1.de: Herr Koller, haben Sie Ihre Beurlaubung kommen sehen oder kam der Rauswurf überraschend?

Marcel Koller: Er kam nicht so sehr überraschend. Wenn man da mittendrin ist und die Situation analysiert hat, konnte man davon ausgehen, dass vielleicht etwas passiert. So war es dann ja auch.

Sport1.de: Der VfL hatte in den letzten Jahren immer eine schwächere Phase, in der er einen Abstiegsplatz belegte und die Fans Ihre Ablösung forderten. Sie sind immer geblieben und haben mit Bochum den Klassenerhalt geschafft. Was war in diesem Jahr anders?

Koller: Dass der eine oder andere nicht mehr daran geglaubt hat, dass die Wende möglich ist. Das waren nicht alle, aber der eine oder andere, der dann zuständig ist. Vielleicht war die Situation auch so, dass man gesagt hat, es ist besser, wenn wir uns trennen.

Sport1.de: Ist der erwähnte eine oder andere Finanzvorstand Ansgar Schwenken oder Sportvorstand Thomas Ernst?

Koller: Das können auch beide sein. Die Zukunft wird zeigen, ob es richtig oder falsch war zu denken, dass es nicht mehr weitergeht.

Sport1.de: Es hatte von außen betrachtet den Anschein, dass die Fans schließlich mit Erfolg Ihren Rauswurf provoziert haben?

Koller: Das spielt ja alles ineinander. Es ist ja einfach nicht so, dass man mir groß etwas vorwerfen kann. Wir haben viele schwierige Phasen überstanden und spielen im vierten Jahr hintereinander in der Bundesliga. Das ist 16 Jahre lang in Bochum keinem anderen Trainer gelungen. Aber es stimmt schon, dass man sich als Trainer überlegt, ob es noch einen Sinn macht, wenn sich die Fans so positionieren.

Sport1.de: Ist die Anspruchshaltung im Umfeld also unrealistisch hoch?

Koller: Ja, absolut. Das bestätigen immer wieder Telefonate oder Gespräche mit Auswärtigen. Man will intern nicht sehen, was Externe wahrnehmen: Dass es mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nur um den Klassenerhalt gehen kann. Das will man in Bochum selbst nicht hören und ist nicht bereit, das anzunehmen. Man hat da ganz andere Vorstellungen.

Sport1.de: Von Ernst und Schwenken war zu hören, Ihre Arbeitsweise hätte sich abgenutzt im Laufe der Zeit. Inwiefern ist das für Sie nachvollziehbar?

Koller: Ernst ist ja erst 13 Monate hier. Und Schwenken ist nicht nah dran an der Mannschaft. Aber wenn man fünf Jahre bei einem Verein arbeitet, dann schleift sich da natürlich ein bisschen was ein. Deshalb holt man ja immer ein paar neue Spieler dazu. Wenn man das Gefühl hat, es passt nicht mehr, muss man eben die entsprechende Entscheidung fällen.

Sport1.de: Haben Sie denn mit dem Gedanken gespielt, von sich aus die Brocken hinzuwerfen?

Koller: Eigentlich nicht. Wir wussten ja um die Schwierigkeit unserer Aufgabe, weil wir nicht diese Möglichkeiten haben. Da kann es nur um den Klassenhalt gehen. Wir haben uns immer zusammengerauft und die richtigen Schlüsse gezogen. Wenn der Vorstand nun sagt, er will etwas Neues ausprobieren, ist das sein Recht.

Sport1.de: Der "Neue" ist vorerst ihr bisheriger Assistent, VfL-Urgestein Frank Heinemann, der nun von Dariusz Wosz assistiert wird. Was halten Sie von dieser Interimslösung?

Koller: Dazu möchte ich mich nicht äußern. Ob das gut oder schlecht ist, müssen die zuständigen Herren bewerten.

Sport1.de: Wie geht?s denn nun bei Ihnen weiter?

Koller: Ich werde zwischen der Schweiz und Deutschland hin- und herpendeln, aber auch die Chance nutzen, einen freien Kopf zu bekommen. Dann kann ich gestärkt eine neue Aufgabe angehen.

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel