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Lucien Favre war seit Juli 2007 Trainer bei der Hertha © getty

Hertha BSC reagiert auf die Talfahrt und feuert Trainer Lucien Favre. Mehrere Ex-Herthaner gelten als Nachfolge-Kandidaten.

Von Martin Volkmar

München/Berlin - Für die Berliner Boulevard-Zeitungen war die Sache schon am Montagmorgen klar:

"Monsieur Favre, bitte gehen Sie!", schrieb die "Bild" nach dem 1:5-Debakel von Hertha BSC in Hoffenheim

Und die "BZ" titelte: "Favre am Ende."

Am Montagabend erfolgte dann die Vollzugsmeldung: Das Bundesliga-Schlusslicht trennt sich vom Cheftrainer und seinem Assistenten Harald Gämperle.

"Vor allem die letzten beiden Niederlagen in der Bundesliga mit neun Gegentoren haben mich zu der Überzeugung gebracht, dass dieser Schritt notwendig ist", sagte Herthas Manager Michael Preetz am Montagabend.

Vierte Entlassung der Saison

Damit ist die vierte Trainer-Entlassung dieser Saison nach Jörn Andersen (Mainz), Dieter Hecking (Hannover) und Marcel Koller (Bochum) perfekt.

Favre, der im Sommer noch den Machtkampf mit Manager Dieter Hoeneß für sich entschied und einen Vertrag bis 2011 besitzt, wurde der schwächste Bundesliga-Start seit dem letzten Abstieg 1991 zum Verhängnis.

Der Schweizer hatte aber trotz der Talfahrt bis zuletzt kategorisch einen Rücktritt ausgeschlossen. Ihre Beurlaubung hätten Favre und Gämperle "gefasst und professionell aufgenommen", meinte Preetz. Laut "Bild" wird der Chefcoach mit 1,5 Millionen Euro abgefunden.

Vorerst übernimmt U-23-Coach Karsten Heine, der das Profi-Team zuletzt nach der Entlassung von Falko Götz im April 2007 bis Saisonende betreute. Ihm steht als Co-Trainer der langjährige Hertha-Schlussmann Christian Fiedler zur Seite.

Vermutlich werden die beiden die Berliner auch Donnerstag in der Europa League bei Sporting Lissabon und am Samstag gegen Spitzenreiter Hamburger SV betreuen.

Kandidaten Sverrisson, Meyer, Röber

Ein neuer Chefcoach hätte danach Zeit zum Neuanfang: Nach dem HSV-Spiel folgt eine zweiwöchige Länderspielpause.

Angeblich soll Manager Preetz bereits mit seinem Ex-Teamkollegen Eyjölfur Sverrisson, derzeit isländischer U-21-Nationalcoach, Kontakt aufgenommen haben.

Darüber hinaus werden die einstigen Hertha-Trainer Jürgen Röber und Hans Meyer als Nothelfer genannt sowie der frühere Kapitän Kjetil Rekdal, momentan beim norwegischen Erstligisten Aalesunds FK tätig. Die "Bild" bringt - fast schon reflexartig - auch Lothar Matthäus ins Gespräch.

Überzeugend hören sich diese Lösungen allesamt nicht, doch ein hochdekorierter Trainer dürfte in der jetzigen Situation kaum zu bekommen sein. "Wir sind dabei, ein Anforderungsprofil zu erstellen und lassen uns dabei die gebotene Zeit", sagte Preetz.

Die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache: Sechs Bundesliga-Pleiten in Folge, Pokal-K.o. bei Zweitligist 1860 München, Absturz auf Rang 18 und eine Mannschaft, die wie ein Absteiger spielt. 155954 (DIASHOW: Der 7. Spieltag)

Co-Trainer attackiert Spieler

Favre-Assistent Harald Gämperle hatte am Montag schon vor der Beurlaubung die Vermutung genährt, dass das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft zerrüttet war.

"Es kann nicht sein, dass einige Spieler hinter dem Rücken Politik machen. Wenn einige Akteure zwei-, dreimal hintereinander so schlecht spielen, dann muss man sich schon fragen, welche Interessen die Spieler haben", sagte Gämperle nach dem Training.

"Für mich haben die Spieler den ganzen Verein, die Fans und die Trainer im Stich gelassen."

Friedrich versteht nichts

Die Profis hatten nach der Niederlage in Hoffenheim den erneut desolaten Arne Friedrich vorgeschickt. Der erklärte den wartenden Journalisten aber nur: "Wir haben nichts zu sagen."(DATENCENTER: Der Hertha-Kader)

Etwas gesprächiger soll der Kapitän dagegen im Dialog mit wütenden Hertha-Fans gewesen sein.

Laut "Berliner Morgenpost" habe Friedrich gesagt, er könne auch nichts machen: Schließlich verstehe er die Sprache der meisten seiner Mitspieler nicht.

Intern werden solche Dinge aber offenkundig nicht thematisiert. So herrschte in Hoffenheim 40 Minuten gespenstische Stille in der Kabine.

Danach sagte auch Favre, dass er nichts sagen wolle.

Preetz lässt erstes Abrücken vom Trainer erkennen

Noch mehr Zeit ließ sich Preetz, der erst nach zwei Stunden wieder ansprechbar war. Dann stellte er sich erstmals nicht mehr bedingungslos hinter den Trainer.

"Nichts von dem, was wir uns vorgenommen haben, wurde umgesetzt", meinte der Hoeneß-Nachfolger. "Wir müssen Wege aus der Krise finden."

Den will Hertha nun mit einem neuen Trainer finden.

Blick geht nur noch nach unten

Schließlich geht der Blick knapp fünf Monate nach dem knapp verpassten Einzug in die Champions League nur noch nach unten. Nicht nur Fredi Bobic erkennt bei seinem Ex-Klub Parallelen zum Fast-Abstieg 2004.

Die Personalpolitik von ihm und Preetz hat alle Vorurteile bestätigt.

Die Leistungsträger Josip Simunic, Marko Pantelic und Andrej Voronin ließ man ohne viel Gegenwehr ziehen und holte keine echten Verstärkungen.

Nun soll ein neuer Chef das Ruder herumreißen.

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