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Seit Sommer hat Louis van Gaal in München das Sagen © getty

Die Bilanz des FCB-Trainers liest sich zwiespältig. Die Euphorie ist längst verflogen. Sport1.de analysiert den Start van Gaals.

Vom FC Bayern berichtet Mathias Frohnapfel

München - Frage: Was ist der Unterschied zwischen den Bayern-Trainern Louis van Gaal und Jürgen Klinsmann?

Antwort: Zuerst mal gar keiner. Sowohl der aktuelle Coach als auch sein Vorgänger haben nach acht Saisonspielen zwölf Punkte gesammelt. (DATENCENTER: Bundesliga)

Und dennoch liest sich die Bilanz des Niederländers nach einem Viertel der Saison anders als die des Ex-Bundestrainers.

Denn die Problemzone des Rekordmeisters liegt nicht mehr in der wackeligen Verteidigung, sondern im Angriff, der momentan partout das Tor nicht trifft.

Experimentierfreund van Gaal

Jürgen Klinsmann überraschte mit zig taktischen Umstellungen, nahm Kapitän Mark van Bommel aus der Mannschaft, spielte mal mit Dreier-, mal mit Viererkette.

Auch van Gaal experimentiert viel, wechselte bisher die Systeme und Startformationen zigfach.

Doch van Gaal ist Fußballlehrer und tritt nach den Erfolgen mit Ajax Amsterdam (Champions-League-Gewinn) und Barcelona mit entsprechendem Selbstbewusstsein auf.

Passt der "warme Mantel"?

"Der FC Bayern passt mir wie ein warmer Mantel", hatte van Gaal auf seiner ersten Pressekonferenz verkündet. Bisher scheint ihm dieser Mantel jedoch zu kratzen, was nicht nur seine Spieler zu spüren bekommen.

Dabei beeindruckte der FC Bayern in der Champions League gegen Juventus. Die Turiner, stark in die Serie A gestartet, trauten da ihren Augen kaum. Franck Ribery, Arjen Robben und Co. wirbelten derart, dass die Italiener in der ersten Halbzeit meist hinterherrannten.

Ballbesitz, Spieldominanz: Die Bayern beherrschen zumindest van Gaals Lieblingsvokabeln.

Die Startbilanz des Niederländers van Gaal hat demnach Licht und Schatten.

Sport1.de analysiert die bisherige Arbeit von Louis van Gaal:

Verhältnis zu den Spielern:

"Er hat eine ganz klare Philosophie, sowohl auf dem Platz als auch im Umgang mit der Mannschaft", schildert Keeper Jörg Butt gegenüber Sport1.de den Stil von van Gaal.

Der 58-Jährige liebt klare Ansagen.

Er schreckt auch davor nicht zurück, Spieler mit großen Namen hart anzupacken.

Bestes Beispiel: Luca Toni, obwohl von seiner Verletzung genesen, steht aktuell nicht im Kader.

Mit Franck Ribery rasselte van Gaal ebenfalls schon aneinander, als es darum ging, ob der Franzose auf der Zehnerposition spielen könne.

Die Versöhnung nach Riberys Treffer gegen Dortmund war umso herzlicher.

Verhältnis zu den Bayern-Bossen:

Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sind weiterhin von ihrem Wunschtrainer überzeugt, wollen ihm die Zeit geben beim Aufbau eines neuen Teams. Auch Franz Beckenbauer erkennt den "gewaltigen Umbruch" an.

Doch der Bayern-Präsident schickt zugleich eine erste Mahnung an van Gaal und sagt zur Suche nach dem Spielsystem: "Irgendwann wird er sich festlegen müssen." 159303(Diashow: Die Bayern auf der Wiesn)

Tor:

Erst setzte van Gaal auf Michael Rensing, löste ihn dann nach den Patzern gegen Mainz ab.

Ein weiteres Beispiel für den Stil des knorrigen Niederländers, der kaum einen Fehler verzeiht. Seitdem hält Jörg Butt für die Bayern - und das von Woche zu Woche mit besseren Leistungen.

Abwehr:

Lucio durfte mit van Gaals Zustimmung zu Inter gehen. Seitdem macht Abwehrchef Daniel van Buyten den Job mit wenig Fehl und Tadel. Auf die Frage, ob er sich jetzt in seiner Entscheidung bestätigt sieht, reagiert van Gaal in der für ihn typischen Weise.

"Ich brauche keine Bestätigung", antwortete van Gaal ziemlich bestimmt. Dabei hätte er die für seinen Schachzug, Holger Badstuber erfolgreich einzubauen, durchaus verdient.

Zwei andere Getreue von van Gaal müssen sich indes noch beweisen: Auf der linken Außenbahn fielen bisher weder Danijel Pranjic noch Edson Braafheid positiv auf. Beide Spieler wollte van Gaal, weil er von ihrer Qualität überzeugt war.

Mittelfeld

Ohne Kapitän Mark van Bommel fehlt den Münchnern eine Persönlichkeit, die Spiel und Mitspieler antreiben kann. Anatolyi Tymoshchuk konnte van Gaal bisher nicht zu dem Leader-Typ aufbauen, der er in St. Petersburg quasi unumstößlich war.

"Man hat gemeint, Tymoshchuk könnte diese Rolle spielen. Kann er aber nicht", mäkelte jetzt Beckenbauer.

Bastian Schweinsteiger ist bemüht, doch auch er kann dem Team in schwierigen Moment wie gegen Köln zu wenig helfen.

"Ich weiß nicht, wie viel Selbstvertrauen ein Bastian Schweinsteiger hat. Oder ob er Angst hat, dass er sofort wieder draußen ist, wenn er nicht gut spielt", bewertete Klaus Augenthaler schon vor einiger Zeit die Situation des Münchner Nationalspielers.

Immerhin: Mit Offensivallrounder Thomas Müller hat van Gaal ein echtes Juwel entdeckt.

Angriff

Mehr als 100 Millionen Euro ist der Bayern-Sturm wert, doch bisher gelangen dieser auf dem Papier so prächtigen Offensive um Mario Gomez, Miro Klose und Ivica Olic erst 13 Liga-Tore. Das Selbstvertrauen ist, wenn man es zurückhaltend formuliert, im Moment begrenzt.

Durch die vielen Wechsel hat Cheftrainer van Gaal dieses Problem im Wesentlichen selbst erzeugt.

Ivica Olic glaubt, dass es für ihn im Moment "vielleicht besser" ist eingewechselt zu werden. Und auch Mario Gomez gesteht seine Verunsicherung. Zugleich pocht Luca Toni auf seine Rückkehr ins Team, was die interne Harmonie nicht gerade steigert.

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