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Frank Baumann wechselte 1999 vom 1. FC Nürnberg zu Werder Bremen © imago

Nach dem Champions-League-Fehlstart und vor dem Topspiel bei Bayern teilt Werder-Kapitän Baumann aus - und bekommt Unterstützung.

Von Christian Paschwitz und Matthias Becker

München/Bremen - Hierarchien in deutschen Unternehmen sind zumeist eine eindeutige Angelegenheit. Das ist bei Werder Bremen nicht anders als beispielsweise in einer Büsumer Buntbarsch-Fabrik.

Zwischen Angestellten und Vorgesetzen sind die Befugnisse an sich klar abgesteckt.

In den Chefetagen wird daher meist ungern gesehen, wenn Interna, am besten noch empfundene Misstände, an die allzu große Glocke gehängt werden.

Schließlich ließe sich so was hierzulande doch auch auf dem kleinen Dienstweg ausräumen.

Umso bemerkenswerter daher, dass bei den sonst ebenso mit den Traditionen verwurzelten wie unaufgeregten Weserstädtern sich offenbar ein Paradigmenwechsel vollzieht.

"Vielleicht geht es uns zu gut"

Im Mittelpunkt dabei: Kapitän Frank Baumann. Der hatte nach dem peinlichen 0:0 gegen Anorthosis Famagusta zum Champions-League-Auftakt doch tatsächlich das zu machen gewagt, was sich bislang noch kein Werder-Profi wirklich traute:

Baumann strafte die Mannschaft öffentlich ab, nahm dabei kein Blatt vor den Mund ? und verzichtete damit ganz bewusst auf die interne Konflikt-Bewältigung.

"Wir haben ein Einstellungsproblem", sagte Bauman und sprach seinen Kollegen auch den "unbedingten Siegeswillen" und "Erfolgshunger" ab. Mehr noch: "Wir haben ein grundsätzliches Problem. Es fehlt an profihafter Einstellung. Vielleicht geht es uns zu gut."

Keine Strafe für Baumann

Starker Tobak für einen, dem in seinen zehn Jahren als Werder-Profi stets der Ruf eines unauffälligen Idealprofi anheftete. Der sich nie durch Kontroversen hervortat.

Bei genauerem Betrachten zwar eine Schelte, wie sie für Führungsspieler anderer Vereine mehr oder wenige Usus ist. Bei Werder war so etwas indes derart zuvor noch nicht formuliert worden war.

Ebenso bemerkenswert: Entgegen Berichten der Boulevard-Medien hat Baumann wegen seines verbalen Rundumschlags wohl keine Sanktionen zu erwarten. Nicht nur, dass dem 32-Jährigen sogleich Trainer Thomas Schaaf zur Seite sprang: Der Kapitän habe schlichtweg das Recht, sich und die Mannschaft in die Pflicht zu nehmen: "Und das ist auch gut so."

Unterstützung auch von Born

Selbst der sonst auf unabgestimmte Kritik empfindlich reagierende Klubchef Jürgen L. Born stellt Baumann quasi einen Freifahrtsschein aus, was dessen Mündigkeit angeht - wenngleich er selbst gegen Famagusta kein Einstellungsproblem erkannt haben will.

Baumann "hat zwei, drei Sätze zur Einstellung gesagt. Das war schon kritisch, aber es war ja nicht ungezogen. Das darf er als Kapitän, er spricht ja auch mit den Spielern darüber", erklärte Born im Gespräch mit Sport1.de.

Grüppchenbildung bei Werder?

Das muss Baumann wohl auch. Denn teamintern dürfte vor allem seine eigenmächtige Eingruppierung des Mannschaftsgefüges mächtig Staub aufgewirbelt haben: "Einige glauben, es geht einfach so. Andere denken, dass sie weniger tun müssen", so der Werder-Käpt'n.

"Dritte verlassen sich zu sehr auf ihre individuelle Klasse, und wiederum andere sind zu sehr damit beschäftigt, wie sie selbst dastehen, anstatt die Mannschaft in den Vordergrund zu stellen."

Nur einem wollten die Klub-Oberen schnell entgegen treten: Nämlich dass "die Mannschaft nicht untereinander zerstritten" sei, wie Geschäftsführer Klaus Allofs eilfertig erklärte. Er sagte das wohl auch mit Blick auf das am Samstag anstehende Top-Duell bei den Bayern.

"Wir haben im Moment keine Ausreden"

Und an dieser Stelle bekommen Baumanns Bemerkungen sogar noch Rückwind durch Born: "Wir müssen zeigen, was wir wirklich wert sind, denn wir haben im Moment ja keine Ausreden. Keiner ist verletzt, es ist keine Olympiade und kein Länderspiel zur Zeit."

So klingt es neuerdings, wenn Ursachenforschung in flachen Hierarchien betrieben wird.

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