Für Sport1.de schreibt der Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher über deutsche Selbstzerstörung und die Vorteile der Bundesliga.

Wir träumen von Italien: Juve, Roma, Milan, Inter. Und dann? Jetzt wird Udine genutzt um die Unfähigkeit von Borussia Dortmund zu belegen. Ein italienischer, angeblicher No-Name-Klub beweist: Die Bundesliga ist nur GRAU?

Udine: da spielten mal Oliver Bierhoff, Amoroso, Candela, Fiore, Helveg, Zico. Ganz früher: mein ehemaliger Mannschaftskamerad Herbert Neumann. Der Trainer des Aufbaus: Alberto Zaccheroni (später Milan). Also - nur nebenbei - Udine ist ungefähr so wie Hertha BSC. Also blind? Da muss ich schmunzeln?

In Italien fliegen brennende Mofas vom Oberrang, zerstören die Hooligans die Freude am Fußball-Live-Besuch, ist der Krieg der Fans mittlerweile wichtiger als das Spiel, werden marode und bankrotte Klubs seit Jahren durch private Geldspritzen am Leben gehalten, damit die Liga weiter spielt. Schulden machen, gewinnen - der Rest ist egal.

Was ich sagen will: Wir in Deutschland haben eine vernünftig geführte Liga, haben internationale Stars, unser Fußball ist gleich geblieben, gleich stark, die Infrastruktur von Stadien im Vorfeld der WM 2006 zur Perfektion gepusht worden. Die anderen Länder haben aber aufgeholt, in der Spitze überholt.

Nur unsere Einstellung ist immer noch griesgrämig, verbohrt. Ein 3:3 in Finnland ist immer noch eine Katastrophe. Dabei spielen mehr Finnen in der so gerühmten Premier League als wir ahnen. Zypern ist für uns Urlaubsland, keine Kicker-Tradition. Also Fußball-Deppen?

Unser Problem: Wir sitzen immer noch auf einem hohen Ross. Weil es uns tatsächlich gut geht: Unsere Stadien sind ausverkauft, es gibt internationale Gesichter in der Bundesliga, das TV sendet satt.

Aber wir wollen immer das "UNGLAUBLICHE", das "WAHNSINNIGE". Jedes Spiel muss ultimativ sein, der absolute Höhepunkt. Die mediale Berichterstattung macht aus jedem Tor ein Tor des Jahres - sonst ist es nichts wert. Dieses immer aufregend sein, immer unfassbar.

Das ist Selbstzerstörung.

Unsere Liga funktioniert. Unsere Nationalmannschaft funktioniert. Vielleicht mit weniger Glamour, mit weniger Ausstrahlung. Aber eben regelmäßig.

Ich bin FÜR die Änderung der 50+1-Regel, damit frisches Geld in den Fußball fließt, Aber kontrolliert und mit Sinn und Plan. Ich bin für die Kritik an unserem Fußball. Wenn sie verbessern will.

Ein Beispiel: Schalke, der Bayern-Herausforderer der letzten Jahre hat in den letzten 14 Monaten Jahren etliche Stars geholt, die auf der Bank versauern: Sanchez, Lovenkrands, Streit, Ze Roberto II, Grossmüller. Dieses Geldpaket in eine echte Verstärkung investiert - also englisch denken - dann wäre es vielleicht noch besser.

Also: Genießt die Bundesliga, jedes Wochenende. Auch wenn mal über den Ball gedroschen wird. Ergebnisse wie zuletzt - die Bayern lassen grüßen - sind das Salz in der Suppe. Und ein Samstag in einem Deutschen Stadion ist gar nicht so schlecht, wie man meint: bei Atletico Madrid kostet ein Ticket ohne Dach über dem Kopf (Sitz mit Taubendreck) mit einer Tüte Pistazien und einem Bier im Plastikbecher 70 EUR?

Bis nächste Woche.

Euer Toni Schumacher.

P.S. Freue mich schon auf Eure Reaktionen!

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