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Philipp Lahm hat noch bis 2012 einen Vertrag in München © imago

Philipp Lahms Interview schlägt weiter hohe Wellen. Doch was ist dran, an seinen Vorwürfen? Sport1.de analysiert die Aussagen.

Vom FC Bayern berichtet Thorsten Mesch

München - Mit seinem aufsehenerregenden Interview in der "Süddeutschen Zeitung" hat Philipp Lahm für den Aufreger der bisherigen Bundesligasaison gesorgt.

Fehlende Spielphilosophie und schlechte Transferpolitik bescheinigte Lahm seinem FC Bayern - und wurde dafür mit einer Geldstrafe belegt, die es "in dieser Höhe beim FC Bayern München noch nicht gegeben hat", wie Vorstands-Boss Karl-Heinz Rummenigge erklärte.

Auch Präsident Franz Beckenbauer hieß Lahms Weg über die Medien nicht gut, brachte im TV-Sender "Sky" aber auch Verständnis auf:

"Es kommt mir vor, als wenn er sich äußern musste. Die Situation ist schwierig, denn man kann ihm auch dankbar sein, dass er sich wehrt und aufschreit", sagte der "Kaiser".

In gewissen Punkten kann er Lahms Argumenten sogar folgen. "Wo ich dem Philipp Recht gebe, ist bei den Einkäufen. Noch keiner der Neuen hat eingeschlagen", sagte Becknbauer. Zudem spiele die gesamte Mannschaft derzeit unter Wert.

Beckenbauer: "Geschichte nicht übertreiben"

Beckenbauer, der fordert, man solle "die Geschichte nicht übertreiben" steht mit seiner zwiespältigen Einschätzung von Lahms Kritik nicht alleine da.

Der Zeitpunkt ist sicherlich unglücklich gewesen, die Art und Weise kann man diskutieren. Aber inhaltlich liegt der Nationalspieler im Großen und Ganzen richtig und hat lediglich unangenehme Wahrheiten ausgesprochen.

Sport1.de nimmt Lahms Aussagen noch einmal genau unter die Lupe und erklärt, in welchen Punkten er Recht hat oder wo er falsch liegt.

Kritikpunkt: Zu wenig Klasse im Kader

Aussage: "Wenn man unsere Mannschaft mit anderen Topteams aus der Champions League vergleicht, dann sind diese eben auf sieben, acht Positionen strategisch erstklassig besetzt - und das fehlt uns. Ich sehe diese acht Spieler bei uns nicht, und das liegt nicht an den Spielern, sondern an der fehlenden Philosophie über die letzten Jahre."

Lahm hat nicht Recht, weil:

Der FC Bayern hat acht Spieler, die seine Forderung erfüllen.

Erstklassig besetzt ist der FC Bayern vor allem in der Offensivabteilung. Franck Ribery, Arjen Robben, Miroslav Klose und Luca Toni haben ihre Klasse bereits auf internationaler Ebene unter Beweis gestellt.

Im Mittelfeld gilt das für Mark van Bommel, Bastian Schweinsteiger und Anatoliy Tymoshchuk, in der Abwehr für Lahm selbst und mit Abstrichen für Martin Demichelis.

Was die Strategie betrifft, hat er Recht: Van Bommel und Tymoshchuk sind sich in ihrer Spielanlage zu ähnlich. In der Abwehr und in der zweiten Garde fehlt es an Klasse, da hat Lahm auch wieder Recht.

Kritikpunkt: Keine Spielphilosophie

Aussage: "Wenn man sich mit Barcelona, mit Chelsea, mit Manchester United messen will, dann braucht man als FC Bayern eine Spielphilosophie. Das muss auch das Ziel des Vereins sein."

Lahm hat Recht, weil:

Barca, ManUnited, Chelsea oder der FC Arsenal haben sich seit Jahren auf eine Spielphilosophie festgelegt. In diesen Vereinen gibt es Kontinuität, auch auf der Bank.

Häufige Trainerwechsel sind - bis auf Chelsea - diesen Vereinen fremd, neue Spieler werden danach ausgesucht, ob sie ins System passen.

Kritikpunkt: Fehlende Kontinuität auf der Bank/unglückliche Transfers

Aussage: "Ich glaube, in der Vergangenheit lief das mit den Transfers nicht immer glücklich. Sicher lag es auch daran, dass wir in den letzten Jahren verschiedene Trainer mit verschiedenen Vorstellungen hatten."

Lahm hat zum Teil Recht, weil:

Nach der ersten Amtsperiode von Ottmar Hitzfeld (1998 bis 2004) blieb kein Trainer länger als drei Jahre. Es folgten Felix Magath (2004 bis 2007), Hitzfeld (2007), Jürgen Klinsmann (1. Juni 2008 bis 27. April 2009), Jupp Heynckes (27. April bis 31. Juni) und Louis van Gaal (seit 1. Juli).

Zu den Spielern, die in der jüngeren Vergangenheit verpflichtet wurden und die den Erwartungen nicht gerecht wurden oder ihr Können nicht unter Beweis stellen konnten, gehören Valerien Ismael, Vahid Hashemian, Julio dos Santos, Ali Karimi, Lukas Podolski, Jan Schlaudraff, Jose Ernesto Sosa, Breno, Massimo Oddo oder Alexander Baumjohann.

Andererseits wurden in der jüngeren Vergangenheit ausgewiesene Weltklassespieler wie Ribery, Klose oder Robben geholt.

Kritikpunkt: Spielerische Ideenlosigkeit

Aussage: "Wir brauchen im Mittelfeld Spieler, die man aus der Abwehr immer anspielen kann. Unser größtes Problem liegt im Mittelfeld. Man macht uns ja den Vorwurf, dass wir zu viel hinten herum spielen."

Lahm hat Recht, weil:

Es fehlt die Verbindung zwischen defensivem und offensivem Mittelfeld. Mit van Bommel, Tymoshchuk, Bastian Schweinsteiger, Hamit Altintop und Andreas Ottl haben die Münchner im Mittelfeld Akteure, die zwar solide ihre Arbeit erledigen, denen es aber an Kreativität fehlt. Toni Kroos wäre so jemand, aber der Junioren-Nationalspieler wurde nach Leverkusen ausgeliehen. Es hängt zuviel von Ribery und Robben ab, beide sind extrem verletzungsanfällig.

Hier geht es zum zweiten Teil der Analyse

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