vergrößernverkleinern
Philipp Lahm (r.) kam 1995 vom FT Gern München zu den Bayern © imago

Der Rekordmeister erklärt den Konflikt um die Generalkritik des Nationalspielers für beigelegt. Doch viele Fragen bleiben offen.

Von Martin Hoffmann

München - High Noon, zwölf Uhr Mittags.

Zur selben Zeit, in der die schießwütigen Cowboys in den alten Westernfilmen ihre Duelle ausgefochten haben, duellierten sich an der Säbener Straße Philipp Lahm und der Bayern-Vorstand.

Der hat den Nationalspieler nach dessen Generalkritik an der FCB-Führung erstmals von Angesicht zu Angesicht zur Rede gestellt.

Das Ergebnis: Lahm hat sich "in einem sehr offenen, ausführlichen und konstruktiven Gespräch für die Art und Weise seiner Aussagen und den eingeschlagenen Weg entschuldigt", wie es in einer Pressemitteilung der Bayern heißt.

Lahm habe Rekordstrafe von angeblich 30.000 Euro akzeptiert. "Die Angelegenheit vom Wochenende" sei damit "für beide Seiten erledigt".

Bewusst ausgelöste Lawine

Doch trotz aller zur Schau gestellten Harmonie: Die Lawine, die Lahm ausgelöst hat, ist damit nicht unter Kontrolle gebracht.

Und Lahm hat diese Lawine im vollen Bewusstsein ausgelöst.

Um zu verstehen, was den Nationalspieler zu seiner öffentlichen Brandrede in Interview-Form bewogen hat (ANALYSE: Hat Lahm recht?), muss man eineinhalb Jahre zurückblicken.

Abgang schien schon ausgemacht

Am 22. April 2008 verkündete der FC Bayern via Presseerklärung, dass die Gespräche mit Lahm über einen neuen Vertrag ab 2009 gescheitert waren.

Lahms Weggang zu einem internationalen Großklub schien damit ausgemacht.

Der heute 25-Jährige hatte schließlich stets angekündigt, noch im relativ jungen Alter zu einem ausländischen Top-Verein wechseln zu wollen.

Von "Aufbruchstimmung" umgestimmt

Rund einen Monat später folgte die Kehrtwende: Lahm verlängerte nach weiteren Gesprächen mit dem Vorstand und dem vor der Amtsübernahme stehenden Coach Jürgen Klinsmann doch bis 2012 bei den Bayern.

Er habe eine "Aufbruchstimmung" gespürt, so seine Begründung, eine Stimmung, die ihm zu seinem großen Ziel führen würde: "Ich will bei einem Klub spielen, mit dem man auch die Champions League gewinnen kann."

Am liebsten bei Bayern, dem Verein, bei dem er seit seinem elften Lebensjahr spielt, in dem Umfeld, in dem der gebürtige Münchner tief verwurzelt ist.

Brüchige Geschäftsgrundlage

Der Aufbruch in Europas Elite ist für Lahm die Geschäftsgrundlage seines Verbleibs in München - so erklärt sich auch seine tiefe Frustration darüber, dass der nicht vorangeht.

Schon unter Klinsmann hatte Lahm sich als Mahner hervorgetan und öffentlich die für ihn zu offensive Taktik des Coachs kritisiert.

Nach Klinsmanns Entlassung war Lahm es auch, der sich am deutlichsten von ihm abgrenzte.

"Wir hatten einfach keine Ordnung auf dem Platz", lautete sein vernichtendes Fazit - ebenfalls in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" geäußert.

Ungefilterte Sicht der Dinge

Nun wählte er wieder die Öffentlichkeit als Forum für seine Generalabrechnung - ganz bewusst.

Lahm hat nach eigener Aussage zuvor versucht, seiner Systemkritik intern Gehör zu verschaffen - offenbar ohne Ergebnis.

Lahm trug seine Thesen daher nach außen und ignorierte die Vereinsvorgabe, jedes Interview bei der Presseabteilung des Klubs autorisieren - sprich: entschärfen - zu lassen. Es war ihm ein Anliegen, seine Sicht der Dinge ungefiltert an die Öffentlichkeit zu bringen.

Der Konsequenzen, die er nun tragen muss, müssen Lahm bewusst gewesen sein: Er nahm sie in Kauf, weil ihm sein Anliegen wichtiger war.

Provokation des Abgangs?

Wenn das die einzige Reaktion aus der Führung bleibt und seine Kritik sonst abgetan wird, ist gut möglich, dass Lahms Aussagen den Bruch markieren, die zu seinem Abgang führen werden.

Das nie abgeklungene Interesse von Top-Klubs wie dem FC Barcelona oder auch Manchester United ist allgemein bekannt.

Die Interpretation, dass Lahm einen Wechsel mit seinen Aussagen provozieren will, geht dabei an der Sache vorbei: "Mir liegt der FC Bayern am Herzen - deshalb spreche ich unsere Situation so offen an", erklärte er selbst.

Und was diese Aussage glaubhaft macht, ist der sachliche Grundton seines Interviews, in der er jeden persönlichen Angriff auf eine der handelnden Personen vermeidet - sondern im Gegenteil etwa Louis van Gaal sogar in Schutz nimmt.

Dass die Bayern-Bosse trotzdem so heftig reagieren, ist allerdings wiederum auch logisch: Denn Lahm macht sich durch seine Kritik zum Kronzeugen für die Fehlentwicklungen bei Bayern, die vor allem auf Hoeneß und Rummenigge zurückgeführt werden.

Vorwurf der Fremdsteuerung

Aus dem Lager der Bayern-Bosse werden jedoch Hintergedanken bei Lahm vermutet.

Hoeneß warf ihm recht unverblümt vor, von seinem Berater Roman Grill fremdgesteuert zu sein: "Der glaubt ja, er hat die Weisheit mit Löffeln gefressen und will vielleicht mal bei uns arbeiten."

Es herrscht der Verdacht, Grill wolle sich für einen Manager-Job bei den Bayern positionieren - nachdem es mit einer Anstellung beim HSV nicht geklappt hat.

"Eingreifen und unangenehme Wahrheiten aussprechen"

Es stimmt dabei, dass Grill seine Klienten offensiv ermuntert, sich öffentlich als Führungsspieler zu profilieren - bei Hamburgs Piotr Trochowski ist ähnliches zu beobachten.

Letztlich aber ist Lahm nicht als ungefestigte Persönlichkeit bekannt. Er sieht sich selbst mittlerweile auch "in der Position", gewisse Dinge anzusprechen:

"Wenn ich merke, es tut sich nichts, es verliert sich irgendwie, dann will ich eingreifen und unangenehme Wahrheiten ansprechen."

Die Bayern-Bosse wünschen sich das im Prinzip auch: Sie haben Lahm am Montagmittag nach eigenen Angaben ermuntert, "künftig seine Meinung im direkten Dialog mit den Verantwortlichen zu besprechen".

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel