Bochum ist unter dem neuen Coach noch sieglos. Im Sport1.de-Interview erklärt Heiko Herrlich, wie sich das möglichst bald ändern soll.

Von Martin van de Flierdt

München/Bochum - Der VfL Bochum steckt in einer schwierigen Phase. Ohne Sieg in den jüngsten fünf Ligaspielen rutschten die Westfalen auf Platz 17 ab.

In der Länderspielpause zogen die Bochumer auch bei zwei Test gegen den Regionalligisten Hessen Kassel (0:3) und den belgischen Tabellen-14. Sporting Charleroi (1:4), in denen Selbstvertrauen getankt werden sollte, deutlich den Kürzeren.

"Mangelndes Selbstvertrauen zu durchbrechen ist ein sehr schwieriges Unterfangen", sagt Trainer Heiko Herrlich, unter dessen Regie der VfL zwei Pflicht- und zwei Testspiele verloren hat.

Vor dem Gastspiel beim Hamburger SV (So., ab 17.15 Uhr LIVE) weiß er : "Es müssen natürlich kurzfristig Erfolge her."

Im Sport1.de-Interview spricht er zudem über die Trainingsarbeit im Schatten von Robert Enkes Tod, seine Hoffnungsträger und den "Erfolgsbazillus" der WM-Playoffs.

Sport1.de: Herr Herrlich, der Todesfall von Robert Enke hat in der vergangenen Woche in der Öffentlichkeit alles überschattet. Inwiefern hatte dieses Ereignis Einfluss auf Ihre Trainingsarbeit?

Heiko Herrlich: Natürlich haben auch bei uns viele Gespräche über dieses Thema stattgefunden. Zumal Christoph Dabrowski bei Hannover 96 Teamkollege von Robert Enke war und unserer Torwarttrainer Peter Greiber mit ihm nach seinem Intermezzo bei Fenerbahce Istanbul zusammengearbeitet hat. Es war spürbar, dass der Freitod dieses außergewöhnlichen Sportlers alle berührt hat. Und gerade deshalb war es hilfreich, die tägliche Trainingsroutine zu haben. Auf dem Platz kann man sich auf andere Dinge konzentrieren, erfährt Ablenkung.

Sport1.de: Der VfL hat in der vergangenen Woche zwei Testspiele gegen Kassel und Charleroi verloren. Danach sagte Sportvorstand Thomas Ernst, die Mannschaft mache "immer die gleichen Fehler". Welche sind das?

Herrlich: Wir müssen konzentrierter und disziplinierter zu Werke gehen. Und das sowohl individuell als auch im Kollektiv. Wir haben gegen Freiburg einen hohen Aufwand betrieben, hatten mehr Ballbesitz, einen besseren Zweikampfwert. Doch weil wir in zwei Situationen nicht aufmerksam genug waren, konnten wir die Früchte unserer Arbeit nicht ernten. Daran müssen wir arbeiten.

Sport1.de: Wie ist ihr Plan, diese Schwächen abzustellen, und was davon lässt sich noch vor der Winterpause realisieren?

Herrlich: Wir im Trainerteam müssen diesen Spagat schaffen. Auf der einen Seite streben wir eine mittelfristige, nachhaltige Entwicklung der Mannschaft an. Auf der anderen Seite müssen natürlich auch kurzfristig Erfolge her. Wir haben jetzt noch fünf Spiele vor der Winterpause, fünf Möglichkeiten also zu punkten. Und diese Herausforderungen werden wir eine nach der anderen angehen.

Sport1.de: Der VfL hat in dieser Saison erst zwei Spiele gewonnen. Inwiefern trägt mangelndes Selbstbewusstsein zur aktuell schwierigen Lage bei?

Herrlich: Ich gebe Ihnen natürlich Recht, mangelndes Selbstbewusstsein zu durchbrechen ist ein sehr schwieriges Unterfangen. Es gibt allerdings eine gute Methode, dies zu tun. Man muss sich Erfolgserlebnisse im Training erarbeiten. Hier holt man sich die Sicherheit fürs Spiel.

Sport1.de: Anthar Yahia und Zlatko Dedic haben Algerien respektive Slowenien diese Woche zur WM geschossen haben. Erhoffen Sie sich davon positive Auswirkungen auch auf den VfL?

Herrlich: Schon. Die sollen ihren Erfolgsbazillus bei uns reinniesen und alle anstecken.

Sport1.de: Sie haben Ihrer Mannschaft nach dem Spiel gegen Freiburg Fehler "wie in einer Jugendmannschaft" attestiert und sie wiederholt scharf kritisiert. Inwiefern glauben Sie, dass es besser ist, Schwächen offen anzusprechen als die Spieler starkzureden?

Herrlich: Beides muss stattfinden. Ich habe gleichzeitig auch thematisiert, dass es mir gut gefallen hat, wie die Mannschaft nach dem Rückstand ins Spiel zurückgekommen ist. Darüber hinaus haben mir der kämpferische Einsatz und die Leidenschaft zugesagt. Insgesamt gab es in der zweiten Hälfte gegen Frankfurt viele gute Ansätze, die wir nun ausbauen wollen.

Sport1.de: Sie haben sich nach den Tests vor allem von Ihren Routiniers enttäuscht gezeigt. Wer soll denn Ihrer Meinung nach vorangehen und was qualifiziert den- bzw. diejenigen dazu?

Herrlich: Wir haben mit Maltritz, Dabrowski, Freier und Klimowicz vier Akteure in unseren Reihen, die jeweils mehr als 200 Bundesligaspiele bestritten haben. Natürlich darf man von diesen routinierten Kräften einen Führungsanspruch erwarten. Aber das spricht niemanden davon frei, Verantwortung übernehmen zu wollen.

Sport1.de: Ernst hat gesagt, er "wüsste auch gerne, wo der Tunnel zu Ende ist". Haben Sie eine konkrete Vorstellung?

Herrlich: Haben Sie die zweite Halbzeit gegen Freiburg gesehen? Als man uns ein reguläres Tor wegen angeblicher Abseitsstellung aberkannt hat; als vor dem 2:1-Siegtreffer einem Freiburger Spieler der Ball an den Hand sprang? Wenn wir die Partie gewonnen hätten, würde niemand diese Frage stellen.

Sport1.de: Es ist aber nun einmal anders gekommen...

Herrlich: Was ich damit sagen will: Man sollte sich auf die Dinge konzentrieren, die man verändern kann. Und wir können nur Folgendes tun: hart an uns arbeiten, die Fehler abstellen und uns gewissenhaft auf die nächste Partie vorbereiten. Wenn wir dann unser volles Leistungsvermögen abrufen, bin ich zufrieden. Wenn wir dann auch noch erfolgreich sind, dann bin ich glücklich und zufrieden.

Sport1.de: Am Sonntag spielt der VfL in Hamburg. Was lässt Sie hoffen, dass das der richtige Gegner in dieser schwierigen Phase ist?

Herrlich: Ich will nicht zu sehr auf anderen schauen. Wir sollten zusehen, dass wir eine Mannschaft auf den Platz schicken, die gut vorbereitet auf dieses schwere Spiel ist.

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