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Steven Cherundolo (r.) bestritt für 96 bislang 278 Meisterschaftsspiele © imago

Vor dem Heimspiel gegen Bayern München spricht Hannovers Steven Cherundolo über den Spagat von Trauerarbeit und Wettkampf.

Von Christian Paschwitz

München - Es ist kein Spiel wie jedes andere. Im ersten Heimspiel nach dem Tod von Robert Enke trifft Hannover 96 auf Bayern München (ab 17 Uhr LIVE).

An demselben Ort, an dem die Mannschaft sich vor zwei Wochen von dem Nationaltorwart verabschiedet hat. "Es ist ein ganz wichtiger Schritt, um diese Tragödie zu verarbeiten", sagt Steven Cherundolo zur Maßnahme, zuletzt im Stadion zu trainieren, um den Ort wieder als Fußballrasen wahrzunehmen. 174538(Bilder der Trauerfeier)

Im Sport1.de-Interview spricht der Rechtsverteidiger, der seit 1998 für die Niedersachsen spielt, über die Trauer um Enke, die Rückkehr in den Alltag und die Herausforderung Bayern München.

Sport1.de: Herr Cherundolo, bevor wir über das Bayern-Spiel sprechen, die Frage vorweg nach den schweren Tagen und dem Tod Robert Enkes: Wie geht's Ihnen?

Steven Cherundolo: Die letzten Wochen waren natürlich nicht einfach. Trotzdem hat das Team das ganz super verkraftet. Abseits davon geht es mir nach meiner Verletzung (Probleme an Knie und Oberschenkel, Anm. d.Red.) viel besser. Ich konnte ja eineinhalb Wochen nicht trainieren und bin erst vor wenigen Tagen wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen.

Sport1.de: Da haben Sie und Ihre Kollegen das erste Mal auch wieder in der Arena trainiert, in der vor 14 Tagen noch Robert Enke verabschiedet wurde. Ist es Ihnen sehr schwer gefallen dort?

Cherundolo: Natürlich ist es immer noch sehr traurig, aber ich würde es nicht als "sehr schwer" bezeichnen, dort zu trainieren. Es ist ein ganz wichtiger Schritt, um diese Tragödie zu verarbeiten. Natürlich wird es dann im Spiel noch anders sein - bei ausverkauftem Haus, das erste Heimspiel danach. Da kommen dann auch wieder Emotionen hoch, die im Training vielleicht nicht so hochkommen.

Sport1.de: Sie befürchten also schon, dass es kurz vorm Anpfiff des Bayern-Spiels noch mal sehr emotional werden wird?

Cherundolo: Ja, das ist auch gut so, und das lässt sich auch nicht verhindern. Das muss auch so sein. Und wir werden Robert auch nicht vergessen. Aber es darf trotzdem nicht den Alltag oder alles, was wir jetzt machen, beeinflussen.

Sport.de: Am letzten Wochenende auf Schalke hat Arnold Bruggink nach Abpfiff geweint, weil ihm Robert Enke gleich in den Sinn kam?

Cherundolo: Es ist bei jedem unterschiedlich. Der eine reagiert emotionaler als der andere, und wenn's passiert, passiert's. Das wird akzeptiert. Und wir werden das alles als Mannschaft auch aufarbeiten und zusammen auftreten. Für uns ist ganz wichtig, jetzt als Mannschaft zusammen zu bleiben.

Sport1.de: Die DFL hat Ihrem Wunsch entsprochen, in Gedenken an Robert Enke weiter auf den Trikots weiter die "1" auf der Brust zu tragen. Warum ist das so wichtig für Sie?

Cherundolo: Darüber freue ich mich riesig, denn das ist für uns nun in den guten wie in den schlechten Phasen sehr wichtig. In schlechten Phasen denkt man dann vielleicht auch mal dran, dass Fußball eben doch nicht alles ist. In guten Phasen ist es eine gute Erinnerung daran, immer auf dem Teppich zu bleiben und nicht zu euphorisch zu werden.

Sport1.de: Waren Sie schon an Robert Enkes Grab auf dem Friedhof, vielleicht sogar mit den Kollegen?

Cherundolo: Ich war noch nicht da. Ich weiß auch nicht, ob wir das zusammen machen werden. Das soll am besten jeder für sich machen.

Sport1.de: Jetzt gilt es gegen die großen Bayern ? aber anscheinend hat scheinbar niemand mehr Angst vor denen. Wie erleben Sie die Münchner gerade?

Cherundolo: Das ist noch immer ein gefährlicher Gegner. Es sind super Einzelspieler, und Bayern war in der Vergangenheit immer eine klasse Mannschaft. Für mich können die Münchner auch jederzeit das Ding umdrehen und wieder hervorragend Fußballspielen.

Sport1.de: Wie geht 96 an die Aufgabe heran?

Cherundolo: Es liegt natürlich an uns, ihre Qualitäten ein wenig zu "zerstören", selbst Möglichkeiten zu suchen und die dann auch zu verwandeln. Aber gegen Bayern bekommt man nicht viele Torchancen. Und die, die man bekommt, muss man reinmachen. Und hinten müssen wirklich alle mitspielen. Aber wir sind stark genug.

Sport1.de: Heißt das, Sie kriegen die Bayern zu einem günstigen Zeitpunkt, und mit nur einem Punkt gibt sich 96 mittlerweile gar nicht mehr zufrieden?

Cherundolo: Unsere Mannschaft hat in wirklich jedem Spiel in dieser Saison bewiesen, dass sie die Chance hat zu punkten. Das sollte auch am Sonntag der Fall sein, ich wüsste nicht, warum es anders sein sollte. Wir müssen nur an uns glauben.

Sport1.de: Mit Siegen gegen die Bayern kennen Sie sich ja bestens aus. Im September letzten Jahres siegte Hannover mit 1:0, und das Jahr davor auch, beim ersten Heimsieg gegen die Bayern überhaupt?

Cherundolo: Trotzdem ist Bayern jetzt bestimmt kein Lieblingsgegner, das wäre zu weit gegriffen. Ich habe auch schon bittere Niederlagen gegen sie hinnehmen müssen. Ich erwarte aber ein sehr gutes, sehr emotionales und auch ein sehr enges Spiel. Ich denke die Zuschauer werden voll da sein, 90 Minuten lang. Das ist sehr wichtig für uns.

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