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Michael Preetz (r., mit Geschäftsführer Schil- ler) ist mit 84 Toren Herthas Rekordtorschütze © imago

Die Verantwortlichten ernten bei der Hauptversammlung heftige Kritik, bleiben aber im Amt. Ein Spieler wird besonders ausgepfiffen.

Berlin - Volkes Zorn war deutlich zu spüren, aber die Revolution schlug fehl, und das befürchtete Chaos blieb aus:

Die Führungsspitze des stark abstiegsgefährdeten Bundesligisten Hertha BSC Berlin ist bei der Mitgliederversammlung mit einem blauen Auge davongekommen.

Zwar prasselte herbe Kritik auf die Verantwortlichen des Hauptstadtklubs ein. Einen Abberufungs-Antrag gegen das Präsidium und den Aufsichtsrat lehnten die 1924 anwesenden Mitgliedern aber mit deutlicher Mehrheit ab.

Stattdessen wurden die Anhänger mit Durchhalteparolen zur Geschlossenheit im gemeinsamen Kampf um den Klassenerhalt aufgerufen.

"Herthaner stehen immer wieder auf"

"Hertha durchlebt wahrscheinlich die größte sportliche Krise seit dem Aufstieg in die Bundesliga. Aber wir Herthaner stehen immer wieder auf. Und wir werden es auch diesmal tun. Jetzt erst recht", sagte Geschäftsführer Michael Preetz.

Man dürfe sich nicht "zerfleischen", sondern müsse zusammenhalten, sagte Preetz.

Hoffenheim als Knackpunkt

Pech und die Eigendynamik der Krise hätten zum Absturz geführt, erklärte der Ex-Profi.

Und weiter: "Entscheidend war die 'Nacht von Hoffenheim'. Nach dem Spiel (1:5, Anm. d. Red.) war Lucien Favre (mittlerweile entlassener Trainer, Anm. d. Red.) wie paralysiert und kaum ansprechbar. Nach dem Spiel gegen Hoffenheim war er am Ende."

Einen Tag nach dem Spiel wurde Favre entlassen. Aus sieben Spielen hatte der Schweizer lediglich drei Punkte geholt.

"Funkel strahlt stoische Ruhe aus"

Unter Favres Nachfolger Friedhelm Funkel holten die Berliner in sieben Spielen sogar nur zwei Punkte.

Funkel besitze "eine stoische Ruhe, die er auch auf die Mannschaft ausstrahlt", erklärte Preetz.

Angesichts des letzten Bundesliga-Platzes sowie sieben Zählern Rückstand auf das rettende Ufer, machten die Mitglieder immer wieder ihrem Unmut Luft. (DATENCENTER: Der 14. Spieltag)

Wichniarek in der Kritik

Besonders laut wurden die Pfiffe und Rufe gegen den erfolglosen Stürmer Artur Wichniarek ("Artur raus").

Der polnische Rückkehrer hat in dieser Saison noch nicht getroffen.

"Es gibt Leute, die auf dem Platz den Anschein erwecken, dass sie den Ernst der Lage nicht begriffen haben. Sie müssen dafür sorgen, dass die Mannschaft ihren Arsch bewegt", sagte Mitglied Felix Obergföll in Richtung der sportlichen Leitung.

Team soll verstärkt werden

Auch Preetz scheute sich nicht, die anwesende Mannschaft von Trainer Friedhelm Funkel in die Pflicht zu nehmen.

"Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren", zitierte er Bertolt Brecht und sagte an die Adresse der Spieler: "Wer das jetzt nicht verstanden hat, für den gibt es bei Hertha keine Zukunft."

Um den fünften Abstieg der Klubgeschichte doch noch zu vermeiden, kündigte der ehemalige Torjäger für die Winterpause Verstärkungen an.

Hertha schreibt rote Zahlen

Für zwei bis drei neue Spieler stehen rund drei Millionen Euro zur Verfügung, obwohl Hertha in der vergangenen Saison ein Minus von 1, 9 Millionen Euro erwirtschaftete und die Verbindlichkeiten auf 33 Millionen Euro stiegen.

Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller präsentierte die trotz eines vierten Platzes und eines Rekordumsatzes von 85,9 Millionen Euro negativen Zahlen und heizte die Stimmung bei der Versammlung so zusätzlich an.

Verträge gelten auch fürs Unterhaus

"Kein Mensch wünscht sich die Zweite Liga. Aber auch das würden wir überstehen. Diese Stadt hat schon ganz andere Dinge erlebt", sagte Preetz.

Er erklärte außerdem, dass alle laufenden Spielerverträge auch im Unterhaus gelten würden.

"Zweite Liga ist Mist"

Dennoch wurde von oben klargestellt: "Zweite Liga ist Mist, sogar ganz großer Mist", sagte Aufsichtsrats-Chef Bernd Schiphorst, der wie Präsident Werner Gegenbauer sein Amt behalten darf.

Vor der Versammlung hatten einige Hertha-Mitglieder den Führungsstil von Gegenbauer und Co. öffentlich kritisiert sowie der Vereinsführung Fehler im personellen Bereich angelastet.

Abberufung abgewendet

Am Ende blieb ein Abberufungs-Antrag gegen die höchsten Vereinsgremien übrig. Doch nicht einmal 20 Prozent der Mitglieder stimmten dafür.

Für eine Absetzung der Führungskräfte wäre eine Mehrheit von mindestens 75 erforderlich gewesen.

"Wir könnten auch heulen über die Situation, in der wir uns befinden. Dieses Präsidium ist kein Schönwetterpräsidium. Wir laufen ihnen nicht weg, aber sie müssen uns haben wollen", sagte Präsident Gegenbauer.

Friedrich nimmt Team in die Pflicht

Kurz nach 23 Uhr meldete sich Kapitän Arne Friedrich als einziger Vertreter der Mannschaft zu Wort:

"Ich möchte nicht auf der Straße rumlaufen und mich beschimpfen lassen. Deshalb werde ich persönlich alles tun, um da unten wieder raus zu kommen", sagte der Nationalspieler.

Eine Erklärung für den rasanten Absturz der Berliner konnte aber auch er nicht liefern.

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