Man kann Uerdingens PR-Coup mit dem Kugelblitz verspotten, aber er verdient auch mal eine Würdigung als Pflege der Fußballkultur.

Der Threadersteller in einem Uerdinger Fanforum hat genau die richtige Überschrift für das Diskussionsthema gefunden.

Nicht "Toni kommt", "Der Kugelblitz schlägt in Uerdingen ein" oder "Der Torhamster dreht am Rad".

Seine Schlagzeile zum Wechsel von Ailton zum KFC Uerdingen lautet in perfekt passender Schlichtheit "Er!!!" Ein einfaches Wort für den Meister der einfachen Worte.

In solchen einfachen Worten hatte "er" noch vor kurzem die Gerüchte zurückgewiesen, er würde in der Sechsten Liga anheuern.

"Ailton stinksauer", ließ er da wissen: "6. Liga - nie im Leben."

Jetzt hat sich Ailton also doch eingelassen auf eine Liga mit vielen lustig klingenden Städten, die er nun kennenlernen kann.

Und Uerdingen auf einen "wankelmütigen Charakter, der schnell beleidigt ist und Interviews voller Melodramatik gibt", wie auf der Online-Enzyklopädie "Wikipedia" wertneutral festgehalten ist (Copy Paste aus dem Eintrag eines anderen Tonis?).

Aber Uerdingen kennt sich aus mit ausgefallenen Aktionen, 2005 etwa hatte der Klub, der einst Friedhelm Funkel erfand, einmal für 2688,05 Euro einen Platz im Mannschaftskader per Internet-Auktion versteigert.

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Man könnte Uerdingen und den deutlich mehr als 2688,05 Euro kostenden Ailton jetzt verspotten, wie die meisten es tun.

Aber Ailton ist ja schon oft genug Opfer von Albereien geworden - man erinnere sich wie ihn Bremens Fans per Online-Abstimmung zum HSV-Spieler des Jahres küren wollten, nachdem er für die Hamburger gegen Bremen das leere Tor nicht traf.

Ailton verdient auch mal eine Würdigung. Denn in den Zeiten, in denen die Welt und mit ihr der Fußball immer komplizierter wird, erfüllt Ailton noch als einer der Letzten die Sehnsucht nach einfachen Antworten.

Wo andere über Konzepte für Raumaufteilung, Schnittstellenöffnungen und Passdreiecke brüten, lautet sein konzeptioneller Ansatz: "Ein Schuss. Ein Tor. Das ist Ailton."

Und er beneidet Abwehrleute für ihren aus seiner Sicht ganz einfachen Job, nur die Bälle wegspielen zu müssen.

Ailton war auch zu besseren Zeiten kein moderner Fußballer. Er ist dafür bis heute lebende Folklore, die erhalten werden muss.

Und so gesehen ist Uerdingen zu gratulieren.

Klar, nach streng funktionalen Kriterien bemessen kann man die Idee gewagt finden, in ein Teamgebilde einen gealterten Großverdiener einzubauen, für den Trainingsfleiß ein Fimmel von Kleingeistern ist, die keine Tore schießen können.

Und bei dem es auf den letzten Stationen auch eher hieß: "Ein Schuss. Ein Ofen. Das ist Ailton."

Aber wie gesagt, hier geht es um mehr: Uerdingen leistet hier einen Beitrag zur Pflege der Fußballkulturlandschaft.

So wie Großunternehmen aus Imagegründen den Erhalt von Kunstwerken fördert, so erhält Uerdingen uns Ailton.

Eine Figur, die gerade durch das andauernde Reden von sich in der dritten Person befördert, dass sie immer weniger als Person, sondern immer mehr als Gesamtkunstwerk wahrgenommen wird.

Uerdingen betreibt eine Art Denkmalschutz für jemanden, der sich in den Bewegungsabläufen immer mehr seinem eigenen Denkmal annähert.

Unter dem dann irgendwann mal stehen wird: "Ein Schuss. Ein Tor. Das war Ailton."

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