vergrößernverkleinern
Duell auf Augenhöhe: Per Nilsson (l.) im Luftkampf mit Diego © imago

Werder Bremen und 1899 Hoffenheim liefern ein historisches Bundesligaspiel ab - und offenbaren eine sehr ähnliche Philosophie.

Von Matthias Becker

München/Bremen - An solch einem perfekten Herbstnachmittag in Bremen wollte auch Werder-Trainer Thomas Schaaf nicht als Spielverderber auftreten.

Mit 5:4 hatte seine Mannschaft Aufsteiger 1899 Hoffenheim besiegt, in einem Spiel, das als das spektakulärste Bundesliga-Match seit vielen Jahren in die Geschichte eingehen wird.

Die Werder-Fans bejubelten bei strahlendem Sonnenschein im Weserstadion den Schlusspfiff, als hätten ihre Lieblinge gerade den fünften Meistertitel der Vereinsgeschichte eingefahren.

"Hören Sie sich das an", forderte Schaaf den ihn befragenden TV-Reporter auf. Für seine Verhältnisse fast schon ein Gefühlsausbruch, hatte er doch noch vor Wochenfrist nach dem 5:2-Erfolg bei Bayern München versucht, die Leistung seiner Mannschaft zu relativieren.

Özil ganz abgebrüht

Dazu hätte der Werder-Coach sicherlich auch am Samstag nach der Partie gegen Hoffenheim Ansatzpunkte gefunden.

Schließlich gab seine Mannschaft eine 4:1-Führung aus der Hand, gestattete den Gästen eine Vielzahl von Torchancen und hatte es am Ende in Unterzahl einer gehörigen Portion Glück und der Abgeklärtheit des 19 Jahre alten Mesut Özil zu verdanken, dass es doch noch für drei Punkte reichte.

"Es war für die Zuschauer ein begeisterndes Spiel, aber es waren auch sehr viele Fehler", analysierte Schaaf, um seine Kritik aber auch gleich wieder einzuschränken: "Beide haben sehr viel eingesetzt, dann kann so etwas passieren."

Sehr offensive Ausrichtung

Schaaf hatte den Verlauf der Partie mit einer sehr offensiven Startaufstellung quasi vorab in Kauf genommen.

Im Vierermittelfeld agierten neben Diego mit Özil und Aaron Hunt zwei Offensivkräfte. So konnten die Gäste immer wieder gefährlich die Räume auf den Außenbahnen nutzen.

Torsten Frings, als Sechser vor der Abwehr einzig defensive Absicherung der Werder-Elf, fand dann bei aller Begeisterung auch kritische Worte. "In der zweiten Halbzeit haben wir uns glaube ich zu sicher gefühlt. Das die noch mal zurück kommen, da kann man nur sagen 'Hut ab'", sagte der Nationalspieler, ergänzte aber auch: "Dass wir dann mit zehn Mann noch gewinnen zeigt auch, dass bei uns alles intakt ist."

Immer ein Tor mehr schießen

Die augenfälligen Schwächen in der Defensive konnten die Bremer durch ihre überragende Offensivleistung kompensieren.

Werder rennt offensichtlich lieber mit fliegenden Fahnen nach vorne und versucht immer ein Tor mehr zu schießen als der Gegner, als sich auf ein von Defensivtaktik geprägtes Spiel einzulassen.

Unbeeindruckt vom Drei-Tore-Rückstand

Diesen Eindruck erwecken auch Ralf Rangnicks Hoffenheimer immer mehr. Wie schon bei der Niederlage in Leverkusen (2:5) gaben die Hoffenheimer nach einem hohen Rückstand ihr Offensivkonzept nicht auf.

Im Gegensatz zum Spiel in Leverkusen, das am Ende deutlich verloren ging, wären sie in Bremen um ein Haar dafür belohnt worden.

"Wenn man so einen Rückstand aufholt, das 4:4 macht und mit einem Mann mehr dann ein Powerplay aufzieht, kann man mit einem Punkt nicht zufrieden sein. Wir wollten die drei Punkte und es ist leider in die Hose gegangen", erklärte Marvin Compper, Torschütze zum zwischenzeitlichen 4:4.

"Wir sind nicht die Harlem Globetrotters"

Coach Rangnick war mit dem offenisven Auftreten seiner Mannschaft einverstanden, nur das Ergebnis schmeckte ihm nicht.

"Wir sind ja nicht unterwegs wie die Harlem Globetrotters, um die Zuschauer zu begeistern, sondern um Punkte mitzunehmen", meckerte ein verärgerter Rangnick: "Es soll keiner sagen, wie super wir gespielt haben. Wir hätten nicht nur gewinnen können, sondern sogar müssen."

Hoffenheim will oben mithalten

Da hilft auch das Lob von Kollege Schaaf, der den Gästen eine "außergewöhnliche Leistung" attestierte, nichts.

"Wir haben gezeigt, dass wir eine Mannschaft wie Bremen an den Rand der Niederlage bringen können", konstatierte Rangnick enttäuscht und unterstrich damit auch das Anspruchsdenken beim Aufsteiger.

Hoffenheim ist nicht in die Bundesliga eingezogen, um im Mittelfeld mitzuspielen. Man will auch mit den Großen mithalten - da kann es aber auch mal passieren, dass man mit fliegenden Fahnen untergeht.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel