vergrößernverkleinern
Uli Hoeneß (r.) war von Juli 2008 bis zum 27. April 2009 Jürgen Klinsmanns Vorgesetzter © getty

Der ehemalige Bayern-Coach beklagt, den Misserfolg alleine ausgebadet haben zu müssen. Er habe vergeblich an Besitzständen gerüttelt.

Von Martin van de Flierdt

München - Die Zeit beim FC Bayern München hat bei Jürgen Klinsmann Spuren hinterlassen.

Mit einem Abstand von knappen acht Monate glaubt er nun zu wissen, warum seine Arbeit in München zum Scheitern verursacht war.

"Es gibt zwei Kategorien von Menschen", sagte er einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

"Die einen sind bestrebt, ständig zu wachsen. Die anderen treibt das Gefühl, ihren Status und die Dinge zu verteidigen, die sie aufgebaut haben."

Er habe beim FC Bayern zu viel damit zu tun gehabt, "an Besitzständen zu rütteln und sie einzureißen, anstatt ruhig an der Weiterentwicklung der Mannschaft zu arbeiten".

"Menschen, die komplett anders denken"

"Ich bin in dem Klub mit Menschen zusammengetroffen, die komplett anders denken", führte Klinsmann weiter aus.

"Im Nachhinein war es deshalb auch ganz gut und richtig, dass man sich getrennt hat."

Dass mit dieser Kritik die Bayern-Führungsetage um Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge gemeint ist, ist unschwer herauszulesen.

Gefahr aus dem direkten Mannschaftsumfeld

Zumal Klinsmann weiter erläutert, dass er nun wisse, warum er manche Dinge beim FC Bayern nicht habe umsetzen können und "warum man das dort vielleicht immer noch nicht kann".

Er habe gelernt, dass man ganz genau auf die Leute achten müsse, die nah an der Mannschaft sind.

"Für mich war der FC Bayern die Herausforderung schlechthin. Ich habe da so viel Engagement und Energie reingesteckt. Aber ich habe merken müssen, dass meine Art der Arbeit nicht akzeptiert wurde", sagte Klinsmann.

Zudem warf er Hoeneß mangelnde Konsequenz vor - auch das, ohne ihn namentlich zu nennen.

In der Konsequenz alleingelassen

"Wenn ein Manager auf der Bank sitzt und starken Einfluss auf die Mannschaft hat, Gespräche mit den Spielern führt, mit ins Trainingslager fährt und an allen Dingen nah dran ist...", spielte der ehemalige Bundestrainer explizit auf Hoeneß an.

"Wenn es in einer solchen Konstellation zum Misserfolg kommt, bei dem es heißt, es müssen Konsequenzen gezogen werden, dann müssten sich eigentlich Trainer und Manager verabschieden."

Klinsmann verteidigte zudem seinen Ansatz, mit Bildungsangeboten abseits des Rasens die Profis weiterzubringen.

Bodenhaftung für Spieler schwierig

"Es ist heute unglaublich schwierig, Spieler in der Balance zu halten - dass sie sich einen Sinn für die Realität erhalten und mit beiden Beinen auf dem Boden stehen", urteilte der 45-Jährige.

"Die Spieler sind einer gigantischen Medienvielfalt und ihrem Umfeld ausgesetzt und werden mit Geld überschüttet. Aber nicht alle wissen mit diesen Dingen umzugehen."

Was seine eigene Zukunft angeht, gab sich Klinsmann nach allen Seiten offen: "Ob das in Europa, Amerika oder Südamerika sein wird, ob Klub oder Nationalmannschaft - da lege ich mich nicht fest."

Keineswegs habe er sich aber jüngst durch seine Äußerungen in einer TV-Diskussionsrunde am Rande des Champions-League-Spiels FC Liverpool gegen AC Florenz als potenzieller Erbe von Reds-Trainer Rafael Benitez ins Gespräch bringen wollen.

Keine Kritik an Benitez

"Ich habe nur festgestellt, dass Liverpool zu abhängig ist von Fernando Torres und Steven Gerrard", verteidigte sich Klinsmann. "Rafael Benitez hat das als Kritik an sich verstanden."

Einen Job in Deutschland will der 108-malige Nationalstürmer vorerst nicht mehr annehmen.

"Dass ich mir jetzt nicht vorstellen kann, in der Bundesliga zu arbeiten, hat nur etwas mit der Lebensentscheidung meiner Familie für Amerika zu tun, nicht mit der Bundesliga", erklärte Klinsmann.

"Die Liga ist in den meisten Bereichen wunderbar, Stadien und Infrastruktur sind die besten der Welt."

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel