Theatralische Einlagen hin, Halbzeit-Flucht her: Bayern geht mit Luca Tonis Abgang etwas verloren - und der Bundesliga auch.

Jetzt, wo es zur Gewissheit geworden ist, gewinnt die Wehmut doch die Oberhand.

Die war so noch nicht so recht zu spüren, als sich Luca Tonis Weggang vom FC Bayern zwar längst abzeichnete, aber doch irgendwie noch weit weg erschien.

Zu überlagert war die Wahrnehmung vom großen Entfremdungs-Melodram, das Toni zuletzt aufführte.

Davon, dass es zuletzt mehr Nachrichtenwert hatte, wenn er sich an einem Tag mal nicht in der italienischen Zeitung Soundso über Louis van Gaal beklagte.

Es ist - trotz des gerade verbreiteten Abschiedsschmerzes - verständlich, dass die Bayern Toni ziehen lassen.

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Zumal ja auch das horrende Gehalt zuletzt nicht mehr im Verhältnis zum sportlichen Nutzwert stand.

Aber mit der Argumentation ist schwer durchzudringen, wenn es um Toni geht.

Toni war eben mehr als eine Kosten-Nutzen-Personalie, er zählte zu den Phänomenen, die über das rein sportliche hinausgewachsen waren.

Von Toni hatte jeder was: Die bunten Blätter erfreuten sich an seiner reizenden Dauerverlobten Marta und seinen glanzvollen - wenn auch immer skandalfreien - Abstechern ins Münchener Nachtleben.

Die Feuilletonisten riefen ihn als legitimen Erben des Monaco Franze aus und montierten Bildergeschichten über die Ähnlichkeiten von Toni-Fotografien mit klassischen Gemälden.

Toni wirkte selbst wie ein Kunstwerk, extra für die Münchener Fußballwelt modelliert.

Man glaubt da kaum, wie lang und steinig Tonis Weg zu seinem scheinbaren Bestimmungsort war. In seinen jungen Jahren war Toni ein dürrer, unförmiger Schlaks, der lange erfolglos durch Italiens untere Ligen tingelte.

Der wegen seiner Grobmotorik verspottet wurde als "Giraffe auf Bügeleisen" - bis bei ihm irgendwann plötzlich die Tore so zuverlässig vom Band liefen wie die Autos in den Fiat-Werken.

In Italien ist Toni - auch wegen dieser mühsamen Aufsteigergeschichte - annähernd jedem sympathisch. Sogar den Kriminellen: Anfang 2008 stiegen Einbrecher in seine Villa ein, ließen Martas Schmuck mitgehen, Bälle und Trikots.

Die Langfinger fanden auch Tonis WM-Medaille vor und seinen Goldenen Schuh als Top-Torjäger Europas. Sie ließen sie liegen, brachten es augenscheinlich nicht übers Herz, Toni dieser Andenken zu berauben.

In seiner deutschen Wahlheimat hatte er schnelle ähnliche Gefühle geweckt. Er musste dazu auch nie richtig deutsch lernen, lieber lernte für ihn jeder ein paar Fetzen italienisch.

Toni war mehr als ein Bayern-Angestellter, er war ein Stück importierte Münchener Lebensart. Die bayerische Landeshauptstadt behauptet von sich ja gern, die nördlichste Stadt Italiens zu sein.

Und Toni erschien als die Verkörperung dieses Idealbilds: Schön, charmant, elegant, stilsicher, unbeschwert, lebenslustig, lässig, mondän.

Toni ist so, wie München sein will. Und so wie Deutschland Italien sehen will - unverdorben von störenden Begleiterscheinungen wie Berlusconismus und Moggi-Manipulationen.

Theatralische Einlagen hin, Halbzeit-Flucht her: Bayern geht mit Tonis Weggang etwas verloren - und der Bundesliga auch.

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