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Martin Kind (r.) installierte Jörg Schmadtke im Mai 2009 als Sportdirektor bei 96 © imago

Der Sportdirektor faltet das Team zusammen, der Präsident erhöht den Druck auf Spieler und Trainer: Der Ton in Hannover wird rauer.

Von Martin Hoffmann

München/Hannover - "Das hat kein Niveau. Das ist Betriebssport."

Die Worte von Sportdirektor Jörg Schmadtke nach der 1:2-Testspielpleite bei Union Berlin trafen die Spieler von Hannover 96 mitten ins Herz.

Und sie lassen tief blicken in die Gemütslage eines Klubs, der aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Die Krise in Hannover macht sich auch in der Winterpause bemerkbar - und der Ton bei den Niedersachsen wird rauer 190622(DIASHOW: Die Liga im Wintertraining).

Schmadtke steht zu seinem Ausbruch

Schmadtke ärgert sich im Gespräch mit Sport1.de zwar darüber, dass "ein Medienspektakel aus meinen Worten gemacht" wird.

Aber er stehe zu seinem Wutausbruch.

Sein Team hat ihm zuletzt auch genügend Gründe dafür gegeben.

Seit sechs Spielen ist Hannover ohne Sieg, der Relegationsplatz ist nur noch einen Punkt entfernt.

"Wir sind mittendrin im Abstiegskampf", schlug jetzt auch Ex-Nationalspieler Jan Schlaudraff in der "Sport Bild" Alarm.

Komplizierter Umgang mit der Ausnahmesituation

Und dann ist da noch die tragische Komponente, die alles noch schwieriger macht: Hannovers Einbruch ist direkt zusammengefallen mit dem tragischen Tod von Keeper Robert Enke.

Eine Ausnahmesituation, mit deren Umgang sich Hannover bis heute schwertut.

Trainer Andreas Bergmann hat zwar angekündigt, die nach Enkes Tod gelockerten Zügel wieder mehr anzuziehen.

Das öffentliche Auf-den-Tisch-hauen aber überlässt er weiterhin anderen: Schmadtke und dem omnipräsenten Präsidenten Martin Kind.

Kind denkt an Transfers und Degradierungen

Der zeigt sich gegenüber der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" ebenfalls "zutiefst enttäuscht" von seinem Team.

Und er begrüßt Schmadtkes Ausbruch: "Der Mannschaft ist die Situation noch immer nicht ganz bewusst. Deshalb begrüße ich es, dass dann auch mal Hochdeutsch geredet wird."

Kind denkt trotz angespannter Kassenlage auch laut über Neuverpflichtungen nach. Es sei billiger "den Klassenerhalt zu sichern, als den Abstieg zu akzeptieren".

Dazu müsse man "sehr ernsthaft" mit Spielern reden, die ihre Chancen nicht nutzen würden: "Und wenn dann einer bei den Amateuren spielt, dann spielt er eben bei den Amateuren."

"Bergmann muss härter arbeiten"

Aber auch auf den Trainer erhöht Kind den Druck.

"Bergmann muss härter arbeiten und stärker handeln", fordert der Vereinsboss: "Und er muss sich in die Linie von Schmadtke hineinentwickeln."

Der Sportchef selbst beschwichtigt aber: "Herr Kind wollte damit nicht sagen, dass Andreas Bergmann bislang nicht hart genug gearbeitet hätte."

Aber er versteht seinen Chef auch so, "dass Bergmann straffer agieren muss".

Der Coach selber reagierte nach außen hin gelassen auf die Forderungen von oben. "Ich bleibe so, wie ich bin. Und unter Druck stehe ich immer", meinte er.

Guter Cop und böser Cop

Bei vielen herrscht der Eindruck, dass Bergmann und Schmadtke sich aus Polizeifilmen die die Rollenverteilung "Guter Cop - böser Cop" abgeschaut haben.

"Jeder hat seine Vorgehensweise", meint Schmadtke dazu gegenüber Sport1.de.

Bergmann habe als Trainer jeden Tag mit der Mannschaft zu tun und müsse daher stärker aufpassen, sie nicht zu verprellen. "Ich als Sportdirektor kann auch mal poltern", erklärt er.

Bergmann braucht Ergebnisse

Schmadtke findet nicht, dass er mit seiner Kabinenpredigt Bergmanns Autorität geschwächt hätte.

Aber die Position des Trainers steht ohnehin nicht auf ganz festem Boden.

Auch wenn eine Ablösung derzeit nicht zur Debatte steht: Bergmanns Vertrag gilt nur bis zum Saisonende. Und ob es danach für ihn weitergeht, wird wohl davon abhängen, ob er das Team aus der Krise führen kann.

Schmadtke vermeidet denn auch eine klare Aussage zum Thema: "Wir sind jeden Tag im Dialog und entscheiden, wenn die Zeit für eine Vertragsverlängerung reif ist."

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