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Mirko Slomka war bis 2004 Co-Trainer von Ralf Rangnick bei Hannover 96 © imago

Die Niedersachsen reagieren auf die sportliche Talfahrt. Nachfolger wird etwas überraschend Mirko Slomka, der Marcel Koller aussticht.

Von Martin Volkmar

München/Hannover - Keine zehn Stunden nach der Entlassung von Andreas Bergmann hat Hannover 96 bereits die Nachfolge geregelt:

Mirko Slomka wird neuer Chefcoach der Niedersachsen und erhält einen nur für die Bundesliga gültigen Vertrag bis 2011.

Damit stach der 42-Jährige den Ex-Bochumer Marcel Koller aus, mit dem der Klub ebenfalls verhandelt hatte.

"Ich freue mich auf die Herausforderung in meiner Heimat und bin überzeugt, dass wir den Schritt nach oben rasch gehen werden", sagte Slomka, der bis April 2008 Schalke 04 trainiert hatte.

"Schon gegen Mainz punkten"

"Die Mannschaft und ich müssen uns schnell aneinander gewöhnen und dann schon gegen Mainz am kommenden Samstag punkten."

Der in der Nähe von Hannover geborene Slomka war bereits von 2001 bis 2004 Co-Trainer der "Roten" unter Ralf Rangnick und betreute von 1989 bis 1999 mehrere Nachwuchsteams.

Sportdirektor Jörg Schmadtke glaubt, dass der neue Mann den Tabellen-16. aus der Krise führen wird.

"Wir sind davon überzeugt, dass Mirko Slomka mit unserer Mannschaft den Abstieg verhindern wird", erklärte er. "Darüber hinaus soll er die Mannschaft der Zukunft entwickeln."

96-Boss Kind voll des Lobes

Auch Vereinsboss Martin Kind war voll des Lobes: "Slomka hat eine Geschichte in Hannover, er hat ein überzeugendes Konzept und Visionen für die Zukunft."

Zuvor waren neben Slomka und Koller auch St. Paulis Coach Holger Stanislawski sowie Wolfgang Wolf, Frank Pagelsorf und Falko Götz gehandelt worden.

Dagegen soll Hans Meyer 96 abgesagt haben.

"Wir werden Namen nicht kommentieren. Es gibt zwei, drei Kandidaten", hatte Schmadtke am Mittag erklärt.

"Wir suchen jemanden, der uns weiterhilft und haben intern ein Anforderungsprofil erstellt. Es bringt nichts, das jetzt an die Öffentlichkeit zu tragen und damit mögliche Kandidaten auszuschließen. Ich denke, dass wir in den nächsten zwei bis drei Tagen Vollzug vermelden können."

Doch am Ende ging alles wesentlich schneller.

Bergmann Wende nicht mehr zugetraut

Zuvor hatte Hannover am Dienstagmorgen Bergmann den Stuhl vor die Tür gesetzt und damit auf den sportlichen Absturz nach dem 0:3-Debakel gegen Hertha BSC reagiert.

Dem 50-Jährigen, der erst am 19. August die Nachfolge von Dieter Hecking angetreten hatte, wurde die Wende nach zuletzt sieben Spielen ohne Sieg nicht mehr zugetraut.

"Wir hatten nicht mehr das Gefühl, dass Andreas Bergmann der Mannschaft die nötigen Impulse für den Verbleib in der Bundesliga geben kann", sagte Schmadtke.

"Die Leistungen der Mannschaft in den vergangenen drei Spielen waren unisono schlecht und wurden von Mal zu Mal sogar noch schlechter."

"Kann Entscheidung nicht nachvollziehen"

Der Ex-Coach, der bis zuletzt einen Rücktritt ausgeschlossen hatte, zeigte sich enttäuscht von der Entscheidung.

"Ich habe am Dienstag um acht Uhr auf dem Weg zum Training davon erfahren. Ich war davon ausgegangen, dass ich am Samstag gegen Mainz auf der Bank sitze und die Chance bekomme, mit dem Team die Kurve zu kriegen.

"Ich kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. Schade, dass ich nicht den Kredit hatte, die Krise zu meistern."

Zumal Schmadtke im Gegensatz zu Vereinsboss Martin Kind, der zuletzt geschwiegen hatte, dem Trainer noch zu Wochenbeginn den Rücken gestärkt hatte.

"Es ist davon auszugehen, dass Herr Bergmann in Mainz auf unserer Bank sitzen wird", hatte er erklärt, allerdings mit seinen weiteren Ausführungen viel Platz für Spekulationen gelassen:

"Wir brauchen Zeit, die Dinge zu bewerten und zu analysieren. Es bringt nichts, Entscheidungen aus der Emotion heraus zu treffen. Ich habe Herrn Bergmann gesagt, dass wir so schnell wie möglich die Wende schaffen müssen."

"Er hat gute Arbeit geleistet"

Nach weiteren Krisensitzungen folgte dann doch die sofortige Entscheidung gegen den Coach.

"Andreas Bergmann hat gute Arbeit geleistet, die Mannschaft gerade auch in der Phase nach der furchtbaren Tragödie um Robert Enke gefühlvoll geleitet", erklärte Schmadtke.

"Aber die notwendigen Siege, die uns die Punkte für den Klassenerhalt bringen müssen, sind leider in den vergangenen Wochen nicht gelungen."

Nach Ansicht von Fans und Medien war Bergmann mit seiner eher kumpelhaften Art der falsche Mann für den Abstiegskampf. So sah es am Ende offenbar auch die Vereinsführung.

Ex-Coach widerspricht

Der frühere Leiter des Nachwuchszentrums, der auf diesen Posten zurückkehren kann, bewertet das anders. "Die Mannschaft hat unter mir in den ersten zehn Spielen 15 Punkte geholt. Wir hatten immer große personelle Probleme, aber ich habe nie gejammert", sagte er.

"Dann ist etwas passiert, dass ich keinem Trainer wünsche. Wir waren bis dahin auf einem sehr, sehr guten Weg und mussten anschließend schwierige Umstände bewältigen."

Auch die Mannschaft bedauerte die Entscheidung. "Wir sind sehr enttäuscht", meinte Kapitän Arnold Bruggink.

"Wir haben uns unter Andreas Bergmann fußballerisch weiterentwickelt, aber in den letzten drei Spielen hat unsere Leistung einfach nicht gereicht. Jetzt muss die Angst aus den Köpfen. Wir brauchen ein Erfolgserlebnis."

321. Entlassung der Bundesliga-Geschichte

Bergmann, der in Hannover noch bis zum Saisonende unter Vertrag stand, ist der 321. Trainer in der Geschichte der Bundesliga, der vorzeitig seinen Posten räumen musste.

Zuvor waren in dieser Spielzeit Hecking, Michael Oenning (1. Nürnberg), Marcel Koller (VfL Bochum), Lucien Favre (Hertha BSC Berlin) und Markus Babbel (VfB Stuttgart) entlassen worden.

Noch vor Saisonbeginn war Aufstiegstrainer Jörn Andersen beim FSV Mainz 05 durch Thomas Tuchel ersetzt worden.

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