Überraschend an Bergmanns Aus ist nur der Zeitpunkt - und dass 96 statt eines Abstiegskampf-Routiniers einen Local Hero holt.

Am Ende überraschte nur der Zeitpunkt, der nicht zum ersten Mal kein besonders gutes Licht auf die Führung von Hannover 96 wirft.

Am Sonntag gab Sportdirektor Jörg Schmadtke Trainer Andreas Bergmann trotz des 0:3-Debakels gegen Hertha BSC eine Jobgarantie bis zum Spiel am Samstag bei Mainz 05.

Am Montag bestätigte das der 96-Pressesprecher mit den Worten, über den Trainer sei gar nicht mehr gesprochen worden. Offenbar, weil sein Rauswurf bereits beschlossen war.

Am Dienstagmorgen war das kurze Experiment mit Bundesliga-Neuling Bergmann genau fünf Monate nach der Entlassung von Dieter Hecking beendet.

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Bezeichnend, dass die Trennung exakt zehn Wochen nach dem Selbstmord von Robert Enke vollzogen wurde.

Denn die Tragödie um den Nationaltorwart hat den gesamten Verein und damit auch die Mannschaft komplett aus der Bahn geworfen.

Die "Süddeutsche Zeitung" hat völlig zu recht darauf hingewiesen, dass ein Suizid bei den unmittelbar Betroffenen massive Reaktionen bis hin zu Persönlichkeitsveränderungen und psychischen Störungen auslösen kann - und das noch Monate nach dem Unglück.

Wenn davon nur ein Bruchteil auf Hannovers Spieler zutrifft, ist der Schritt zu kollektivem Leistungsabfall nicht weit.

Und genau der ist seit Enkes Tod eingetreten, sieben Spiele seitdem ohne Sieg und der Absturz auf Platz 16 sprechen eine eindeutige Sprache.

Daher ist es nahe liegend, dass nur mit einem Neuanfang das Trauma zurückgelassen werden kann.

Und das bedeutet zwangsläufig einen Trainerwechsel, denn die verunsicherte und kopflose Mannschaft kann man eben nicht komplett austauschen.

Dabei wurde für Bergmann der Segen zum Fluch. Denn so sehr sein mitfühlendes Verhalten nach Enkes Tod den Spielern in der Stunde der Not half, so wenig konnte er danach glaubwürdig die Wende zum harten Hund vollziehen.

Ein solch distanziert-autoritärer Übungsleiter ist aber im Abstiegskampf dringend nötig. Insofern überrascht es auch etwas, dass die schnelle Nachfolger-Entscheidung nun auf den gebürtigen Hannoveraner Mirko Slomka hinauslief anstelle auf Marcel Koller - Local Hero statt eines abstiegserfahrenen Routiniers.

Ob das zur Rettung und irgendwann zum tatsächlichen Neustart in Hannover reicht, ist nach den dramatischen Ereignissen der vergangenen Monate kaum zu prognostizieren.

Ansonsten müsste vor allem der allmächtige 96-Boss Martin Kind sein Handeln in Frage stellen, nachdem er zum wiederholten Mal in der Trainerfrage daneben gelegen hat.

Aber vielleicht muss man aus den erwähnten Gründen auch ein wenig Nachsicht mit der Vereinsführung zeigen.

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