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Marcell Jansen (M.) erzielte bislang in 128 Bundesligaspielen 13 Tore © imago

Marcell Jansen spielt seit dem Herbst eine überragende Saison beim HSV. Nach dem Remis in Köln tritt er auch verbal aufs Gas.

Von Martin van de Flierdt

München - Es ist ein unausgesprochenes Gesetz, das so alt ist wie das Hierarchiedenken im Fußball:

Nur wer Leistung bringt, darf den Mund aufmachen.

Denn Kritik wird nur dann als solche wahrgenommen, wenn der Kritiker ernst zu nehmen ist.

Daher sorgte es in Hamburg für einiges Aufsehen, dass sich nach dem aus HSV-Sicht unnötigen 3:3 in Köln Marcell Jansen zu Wort meldete.

"Vielleicht zu viel geredet"

"Wir haben die ganze Woche über die gefährlichen Standards der Kölner geredet, vielleicht zu viel", sagte der 30-malige Nationalspieler.

"So haben wir vielleicht bei jedem Standard gedacht: Oh, jetzt wird es gefährlich. Vielleicht muss man das nur einmal ansprechen, und dann ist es auch gut."

Die Aussage hatte ein ordentliches Medienecho zur Folge. Tenor: Leistungsträger Jansen schwächt die Position von Trainer Bruno Labbadia.

Mit der angesichts zweier Kölner Treffer nach ruhenden Bällen äußerst begründeten Warnung habe Labbadia eine "self fulfilling prophecy" in die Welt gesetzt.

Keine Retourkutsche von Labbadia

Der Coach nahm die Angelegenheit äußerlich ungerührt zur Kenntnis ("Wir werden nicht müde, diese Dinge weiter zu trainieren") und verzichtete auf eine öffentliche Retourkutsche.

Denn er ist sich Jansens Position der Stärke äußerst bewusst. Einen Konflikt mit seinem seit Wochen besten Mann kann und will sich der seit Montag 44-Jährige nicht leisten.

An acht der letzten elf Hamburger Ligatore war Jansen direkt beteiligt. Mit fünf Treffern und vier Torvorlagen in 13 Einsätzen weist der dynamische Außenbahnspieler eine hervorragende Bilanz auf.

Verkorkste Saisonvorbereitung

"Wenn Marcell fit ist, ist er mit der Art, wie er auftritt, unheimlich wichtig für uns", stellt Labbadia fest.

Genau davon war Jansen in den ersten Wochen der Saison weit entfernt. Der gebürtige Mönchengladbacher hatte große Teile der Vorbereitung wegen Sprunggelenksproblemen nicht mitmachen können.

Mitte August erlitt er einen Kapseleinriss im Knie. Schließlich nahm er aufgrund einer Mandelentzündung vier Kilo ab.

Zieht man zwei Kurzeinsätze an den ersten beiden Spieltagen ab, begann seine Saison erst mit der Einwechslung in der 11. Runde beim 2:3 gegen Borussia Mönchengladbach.

Fortan überzeugte der gelernte Linksverteidiger im offensiven Mittelfeld.

"Weiß, dass ich kein Blinder bin"

Auch ein Kapseleinriss mitsamt schwerer Prellung im Sprunggelenk in der letzten Minute des abschließenden Hinrundenspiels gegen Werder Bremen (2:1) brachte ihn nicht mehr aus dem Tritt.

"Ich kann meine Stärken in unserem System gut ausspielen", sagt Jansen.

Dass er sich mit seinen konstant guten Leistungen nachdrücklich für die WM in Südafrika empfohlen hat, ist dem 24-Jährigen klar.

"Ich weiß, dass ich kein Blinder bin", sagt er. "Aber ich möchte ungern nach jedem guten Spiel von mir darüber diskutieren."

Schwarzer Tag gegen Kroatien

Seine Nationalmannschaftskarriere ist seit dem unseligen zweiten Gruppenspiel bei der EM 2008 gegen Kroatien (1:2), bei dem er einen schwarzen Tag erwischte, ins Stocken geraten.

"Es ist schade, dass er in letzter Zeit immer wieder durch Verletzungen oder Unterbrechungen zurückgeworfen wurde", sagt Bundestrainer Joachim Löw.

So trug Jansen in der zweiten Jahreshälfte 2008 gar nicht und 2009 nur zwei Mal das Nationaltrikot, zuletzt am 12. August beim 2:0 in Aserbaidschan.

"Er spielt in unseren Planungen eine Rolle", erklärt Löw.

"Er besitzt Fähigkeiten, die für uns sehr wichtig sein können. Wenn er fit ist, hat er schon eine Menge Zug und Tempo über die linke Seite."

Problem für Trochowski?

Genau das könnte Piotr Trochowski in doppelter Hinsicht zum Verhängnis werden.

Im Verein hat er seinen Platz in der Startelf bereits verloren, nachdem Eljero Elia zu Jansens Gunsten vom linken auf den rechten Flügel gewechselt ist.

In der Nationalmannschaft droht ähnliches, denn neben Jansen für den linken drängt auch Bayern Münchens Thomas Müller in den Kader. Bremens Marko Marin kommt ebenfalls für beide Außenbahnen in Frage.

Jansens Sorge soll das nicht sein. "Wenn ich gesund war, habe ich immer zum Aufgebot gehört", sagt er selbstbewusst. Wer Leistung bringt, darf eben auch den Mund aufmachen.

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