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Per Doppelpack aus der Krise: Kevin Kuranyi jubelt, aber Schalke bleibt Vieles schuldig © imago

Das Last-Second-Tor gegen Wolfsburg lässt Königsblau jubeln - doch allein Kevin Kuranyi ist der Schalker Behäbigkeit entwachsen.

Von Christian Paschwitz

Gelsenkirchen - Natürlich lagen sie sich nach Abpfiff freudetrunken in den Armen. Kevin Kuranyi und Torhüter Manuel Neuer hüpften derart ausgelassen, als hätten sie mit dem FC Schalke soeben die Deutsche Meisterschaft eingetütet.

In dem Moment war es nachzuvollzuziehen, dass bei Königsblau emotional alle Dämme brachen. Schließlich war das 2:2 (1:0) gegen den VfL Wolfsburg ja auch wie ein gefühlter Sieg. Und obendrein die Auferstehung ihres zuvor in neun Pflichtspielen oder 737 Minuten erfolglosen Stürmers Kuranyi.

Der hatte die Schalker quasi mit der letzten Aktion der 180sekündigen Nachspielzeit vor ihrer ersten Saison-Heimpleite bewahrt, als er die Zufallsvorlage des bei einem Eckball mit nach vorn gestürmten Neuer irgendwie über die Linie duselte. Erstmals hatte der 26-Jährige seine Ladehemmung in der 20. Minute abgelegt.

Hinterher strahlte Kuranyi, dem es auf Wolfsburger Seite Edin Dzeko (51.) und der Sekunden vor seinem Tor eingewechselte Brasilianer Caiuby nachtaten (66.). Er sagte: "Ich bin sehr froh, dass ich getroffen habe - und das gleich zweimal. Es war für mich eine schwere Zeit."

Beginn eines neuen Leidenswegs?

Der Leidensweg des in den vergangenen Wochen heftig kritisierten und gar von den eigenen Fans verhöhnten Nationalspielers ist damit beendet. Die schweren Zeiten des FC Schalke dagegen gehen wohl gerade erst richtig los.

Was zunächst nämlich unterging in der Euphorie der Platzherren am Endes eines außergewöhnlichen Matches: Schalke versäumte es einmal mehr, die hohen eigenen Ansprüche mit Leistung zu rechtfertigen.

Vorneweg diesmal, dass sich das Team von Trainer Fred Rutten außerstande sah, aus seiner numerischen Überlegenheit Kapital zu schlagen.

Rafinhas Fehlschuss

Im Gegenteil: Nach der Roten Karte für Wolfsburgs Abwehrchef Ricardo Costa nach einer Notbremse an Heiko Westermann verschoss zunächst Rafinha den fälligen Strafstoß gegen Keeper Diego Benaglio.

Genauso bezeichnend allerdings: Gegen zehn Wolfsburger agierten die Schalker in der Folge viel zu statisch.

Zu häufig blieben lange Bälle auf Kuranyi das gewählte Mittel. Dass der rackerte und sich enorm steigerte, war zu wenig, um darüber hinweg zu täuschen, dass sich die Schalker insgesamt mitnichten auf dem Weg zu einem echten Titel-Aspiranten befinden. Es rumpelt zwar nicht, dennoch wirkt vieles zubehäbig.

Stürmer Jefferson Farfan ist dabei nach wie vor nicht die erhoffte Verstärkung mit Durchschlagskraft. Zudem lässt Orlando Engelaar zu selten seine individuelle Klasse aufblitzen. Wie beispielsweise in der 82. Minute, als der niederländische Nationalspieler nach einem schönen Doppelpass mit Kuranyi den Ball aus elf Metern übers Tor schießt.

Keine Inspiration

So erbrachte das Schalker Personal allenfalls für eine Stunde und damit nicht nachhaltig den Beweis, sich national als Spitzenteam zu etablieren. Zu uninspiriert kamen die Aktionen gegen tief stehende Wolfsburger daher.

Unterm Strich war das 2:2 denn auch nicht nur wegen seines späten Zeitpunkts das gerechte Resultat. Mit nun zwölf Punkten und Platz fünf verpassten die Schalker nicht nur die Chance, sich im Kampf um die Meisterschaft weiter nach vorn zu schieben. Überdies misslang die angestrebte Wiedergutmachung für das peinliche 1:1 im Uefa-Cup-Spiel gegen die zyprischen Kicker von Apoel Nikosia.

Die zwischenzeitlichen Pfiffe der Mehrzahl der 60.549 Zuschauer waren die entsprechende Reaktion.

Pfiffe der Fans

Es klang zunächst noch ein wenig nach verbaler Beruhigungspille, die Trainer Rutten der Öffentlichkeit unmittelbar nach Abpfiff verpasste: "Wir haben in der ersten Halbzeit eine gute Schalker Mannschaft gesehen, die sehr erwachsen gespielt hat."

Doch auch dem Niederländer war nicht entgangen, dass sich sein Team unterm Strich wieder einmal zu grün hinter den Ohren präsentierte: "Nach der Pause waren wir einfach nicht richtig wach. Ich bin nicht zufrieden mit dem Unentschieden. Hätte der Elfmeter das 2:2 gebracht, hätten wir das Spiel womöglich noch gedreht."

Drehen taten sich die Schalker am Ende aber nur noch beim Ringelreihen nach Kuranyis Ausgleich. Es bedarf mehr für Königsblau, um wirklich nach vorn zu tänzeln.

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