Für Sport1.de schreibt Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher über das rheinische Derby und die herbstliche Krisenzeit.

Der Bundesliga-Herbst 2008 - es ist wie schon so oft in der Geschichte unserer Liga: Fallen die ersten Blätter, wackeln auch die ersten Trainerstühle.

In Mönchengladbach ist Jos Luhukay nach 7 Auftritten in der neuen Spielzeit und dem 1:2 im Traditionsderby gegen den 1. FC Köln entlassen worden. Die erste leere Trainerbank...

Es übernimmt Sportdirektor Christian Ziege bis ein Nachfolger gefunden ist. Durch die Länderspiel-Pause hat Ziege etwas mehr Zeit, aber die Panik in der Liga bleibt trotzdem. Greifbar, spürbar.

Denn wer nach den EM-Quali-Auftritten unserer Nationalmannschaft in der kommenden Woche als Klub nicht ins Rollen kommt, verspielt schon früh die Saison, die Ziele. Und wie in Mönchengladbach: die Zukunft. Das Derby hat klar aufgezeigt: Zwei Aufsteiger auf Augenhöhe, aber Köln hat verdient gewonnen.

Weil der FC mit den Transfer-Investitionen wie Petit und Geromel gelernt hat. Individuelle Klasse kostet Geld - und bringt wichtige Punkte. Gegen den Abstieg.

Gladbach gegen Köln - das waren mal echte Fußball-Highlights, Klassiker. Heute ist dieses Duell leider nur noch biedere Hausmannskost.

Zwar immer noch voller Kampf und Leidenschaft, voller Willen und auch Tempo - aber ohne fußballerische Finesse. Zumindest bei Borussia. Beim FC gibt es eben die genannten Verstärkungen, die solch ein Spiel in die richtige Bahn lenken.

Deshalb wundert mich zwar die Konsequenz "Trainer raus" nicht in Mönchengladbach, wohl aber die interne Sicht der Dinge. Wo hat man am Niederrhein denn an die jetzige Mannschaft geglaubt?

Wo hat man die Qualität gesehen, die sicher stellen soll, dass dieser Kult-Klub endlich mal wieder richtig in der Bundesliga Fuß fasst und sich nach oben orientieren kann?

Diese Mannschaft wird bis zum letzten Spieltag um die Liga zittern, kämpfen. Aber viel interessanter als die Schieflage der Einschätzung durch die Gladbacher Klubführung ist die Frage: Welcher Trainer tut sich diesen Job an?

Eine bemerkenswerte Situation war nämlich nach dem Schlusspfiff zu beobachten: Die Borussen-Profis verschwanden ohne Gruß an ihre Fan-Kurve in der Kabine. Bis auf Abwehr-Koloss Gohouri. Dafür gab es Pfiffe, bittere Pfiffe. Denn eine Derby-Niederlage ist für die Fans von Borussia furchtbar, trifft die Seele.

Die Spieler dachten aber in diesem Moment nicht an die Zuschauer, an den Klub, der von seinem Anhang lebt. Da war kein Trotz, kein "Haltet weiter zu uns"-Signal von Mannschaft an die legendäre Nordkurve. So wenig wie ein Signal von fußballerischer Klasse während der 90 Minuten zu sehen war.

Egal wie der neue Trainer der Borussia auch heißen wird: Bis zur letzten Saison-Sekunde wird er auf einem "heißen Stuhl" sitzen.

Dass Jürgen Klinsmann bei den Bayern immer in akuter Kritik-Gefahr lebt, wusste dieser ausgewiesene Top-Profi weit vorher. Dass die Panik aber so begründet, so schnell und so hart kommt - das wird "Klinsi" sicher selbst verwundern. Und verwunden. Im TV wirkte er angeschlagen, getroffen, das Gesicht urplötzlich gealtert.

Der Job bei Bayern als Chef auf der Bank - wer nicht gewinnt, leidet schlimmer als woanders. Weil in München ein erfolgloser Coach eher zu den "Außerirdischen" zählt. Bei Bayern muss man siegen, sonst geht man. Und die meisten haben es ja auch geschafft, konnten Titel sammeln.

Trainer-Entlassungen in München waren Erdbeben, wenn gar nichts mehr ging. Aber selbst wenn Jürgen Klinsmann scheitern sollte, wenn Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge ihren eigenen Mut mit einer Klinsi-Entlassung revidieren würden - was kommt denn nach Klinsmann.

Oder: Welche Alternativen gäbe es? Die Philosophie, dass der FC Bayern neues Blut und frische Ideen braucht, einfach über den Haufen werfen? Klinsmann raus - und dann?

Auf dem Trainermarkt gibt es kaum Alternativen oder ähnlich angelegte Typen, die Hoeneß mit einem Klinsmann ja haben wollte: Moderne Trainer mit Zukunft.

Klopp ist weg vom Markt, Mourinho sowieso. Ein erfahrener Stratege wie Hiddink - unter Vertrag. Also: wer jetzt erwartet, dass Bayern die Reißleine zieht, wird enttäuscht werden. Klinsmann wird bleiben. Und bald auch wieder siegen.

Nur ob er die 7 Punkte Rückstand auf den HSV so schnell aufholt wie nötig, um langfristig Ruhe reinzubekommen, glaube ich nicht. Die Panik-Gefahr in der Liga und München bleibt...

Herzlichst Euer Toni Schumacher

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