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"Man wird bis zum Ende der Saison alles so machen wie bisher und sich dann nach der Saison zusammensetzen, alles analysieren und dann möglicherweise reagieren." (Beckenbauer vor dem Viertelfinale in der Champions League gegen den FC Barcelona)
Franz Beckenbauer ist seit 1994 Präsident des FC Bayern München © imago

Ausgerechnet der sonst kritische Franz Beckenbauer stärkt Jürgen Klinsmann den Rücken und nimmt die Spieler in die Pflicht.

Von Christian Paschwitz

München - Die nackten Fakten kommen alarmierend daher: Nur einmal war der FC Bayern nach einem siebten Bundesliga-Spieltag schlechter.

Das war am 1. September 1966, vor 42 Jahren also, nach einem 0:1 gegen den 1. FC Nürnberg. Für die Münchner Verantwortlichen ein Desaster.

Schließlich war Neu-Trainer Jürgen Klinsmann an die Säbener Straße geholt worden, um mit den Bayern zu neuen Höhenflügen anzusetzen.

Stattdessen steht Platz elf zu Buche, bei schon zwei Niederlagen. Und: In den Augen vieler Fans ist aus dem vermeintlichen Heilsbringer Klinsmann der Sündenbock für die Bayern-Krise geworden.

Fans unzufrieden

Nach dem erneut mageren 3:3 gegen Bochum schallten "Klinsmann-Raus"-Rufe durch die Allianz Arena.

Ausgerechnet der sonst wenig mit Kritik hinterm Berg haltende Franz Beckenbauer stärkt dem reformfreudigen Klinsmann nun via "Bild" demonstrativ den Rücken.

Wohl auch, weil er als Bayern-Präsident an der Verpflichtung des früheren Bundestrainers mitgewirkt hatte: "Ich drücke Jürgen Klinsmann die Daumen. Mag sein, dass er am Anfang viele Fans durch den schnellen radikalen Umbau vor den Kopf gestoßen hat. Die Verantwortlichen jedoch dürfen sich nicht verrückt machen lassen."

Freifahrtsschein bis zur Winterpause

Der "Kaiser" warnt davor, schon jetzt an Klinsmanns Position zu rütteln und zieht dabei einen Vergleich zu vorherigen Bayern-Übungsleitern: "Entscheidend ist, dass das Verhältnis zwischen Trainer und Team intakt ist", erklärte er.

"Das war zum Beispiel bei Felix Magath am Ende nicht der Fall. Bei Klinsmann sehe ich da keine Kluft. Es braucht Zeit, bis seine Ideen greifen."

Und weiter: "Wir müssen Geduld haben und in der Winterpause analysieren, was zu tun ist." Ein halber Freifahrtsschein für Klinsmann bis Jahresende.

Die "Kleinen" werden frech

Umgekehrt nimmt Beckenbauer die Bayern-Akteure in die Pflicht: "Das mangelnde Zweikampfverhalten kritisiere ich ja schon seit längerem. Unsere Spieler stehen zu weit weg vom Gegner, kommen zu spät. Den Bochumern schien es richtig Spaß zu machen, durchzuspazieren."

Im Blickpunkt dabei mit bereits 13 Gegentoren Keeper Michael Rensing. Auch Beckenbauer scheint die fehlende Souveränität des 24-Jährigen zu spüren, wenn er sagt: "Ich hoffe, Torwart Michael Rensing strahlt in Zukunft eine ähnliche Ruhe aus wie Oliver Kahn. Dessen Verhalten sollte sich Rensing zum Vorbild nehmen."

"Mythos FC Bayern macht Pause"

Zudem bemüht der Bayern-Präsident pathetische Worte: "Der Mythos, dass am Ende doch (fast) immer die Bayern gewinnen, der macht Pause. Die Kleinen werden frech, verlieren den Respekt. Die Liga spürt, dass wir im Moment verwundbar sind. Nur durch harte Arbeit können die Bayern den Mythos zurückerobern."

Und weiter: "Die Fußball-Götter haben uns den Rücken zugekehrt. Was wir früher oft an Glück hatten, verkehrt sich nun ins Pech. Das ändert sich auch wieder."

Ze Roberto kritisiert Rotation

Nach Meinung von Mittelfeld-Mann Ze Roberto allerdings nur, wenn Klinsmann seine Rotation sparsamer dosiert. "Zum Beispiel ist es so, dass wir im vorigen Jahr mit zwei festen Innenverteidigern gespielt haben, mit Lucio und Demichelis", sagte der Brasilianer im "kicker" zu den Gründen für die Krise.

In den Worten schwingt ein gewisser Vorwurf an den Trainer mit: "In letzter Zeit haben wir immer wieder gewechselt. Hinten spielten immer wieder andere Partner. Vielleicht sucht der Trainer noch die zwei idealen Verteidiger."

Klinsmann weiß um die Probleme

Klinsmann selbst gibt zu Protokoll, zu wissen, "wo die Probleme stecken". Er wolle sie "Schritt für Schritt korrigieren". Auch in dem Wissen, "dass letztendlich immer der Trainer seinen Kopf hinhalten" muss, wenn die Ergebnisse und Leistungen nicht stimmen.

Dass diese in dieser Saison noch für die Meisterschaft reichen, schließt Ze Roberto keineswegs aus: "Ich glaube schon, klar. Das ist unser Ziel."

Um dann indes einzuschränken: "Aber zurzeit kann man nicht so optimistisch sein."

Für den 34-Jährigen wäre es übrigens die letzte Chance, mit den Bayern noch einmal den Titel in der Bundesliga zu holen: "Aus meiner Sicht ist meine Zeit hier vorbei. Ich möchte noch zwei Jahre anderswo spielen."

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