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Oliver Kahn kritisiert Klinsmann auch wegen dessen Demontage von Kapitän van Bommel © imago

Nun kritisiert auch Ex-Kapitän Oliver Kahn Bayern-Coach Jürgen Klinsmann, dessen Philosophie und die van-Bommel-Demontage.

Von Christian Paschwitz

München - Oliver Kahn durfte mal wieder darüber dozieren, was er wohl wie kaum ein anderer zu verkörpern versteht. Und dabei bekam auch Jürgen Klinsmann kräftig sein Fett weg.

"Es geht nicht immer darum, der Beste oder der Talentierteste zu sein. Man muss an sich glauben", sagte der Ex-Weltklasse-Keeper des FC Bayern am Montag während eines PR-Termins: "Man muss derjenige sein mit dem vielleicht stärksten Willen, der am hartnäckigsten ist. Das braucht man, um schlussendlich erfolgreich zu sein."

Worte wie vom Motivationsexperten an die Selbstfindungsgruppe gerichtet. Und obendrein Attribute, die Kahns früherem Arbeitgeber anscheinend momentan abgehen.

Zu willenlos präsentiert sich der Rekordmeister derzeit. Tabellenrang elf (die schlechteste Platzierung nach einem siebten Bundesliga-Spieltag seit 1966), bereits zwei Niederlagen und nicht zuletzt die Unmutsbekundungen zahlreicher Fans gegenüber Klinsmann - das sind die Eckdaten der sportlichen Krise.

"Ich-schaff's"-Tour wie für Bayern gemacht

Kahn gedachte eigentlich nur über eines seiner Nach-Karriere-Engagements parlieren, wie er Jungen und Mädchen unterstützen will, die sozial auf der Strecke zu bleiben drohen.

Doch die charakterlichen Prinzipien seiner vorgestellten "Ich-schaff's"-Tour an Schulen gerieten im Lichte der Bayern-Krise zwangsläufig auch zu einem Hilfsprogramm, dessen Anwendung an der Säbener Straße genauso akut nötig wäre.

Eilfertig meinte Kahn zwar, "das Geschehen beim FC Bayern eher am Rande" zu beobachten. Gegenwärtig hege er keine Ambitionen, dem Verein als Ratgeber zur Verfügung zu stehen. Doch es war kaum zu überhören, dass vor allem Klinsmanns Wirken kaum seinen Geschmack trifft:

Mailand oder Madrid - Hauptsache eigene Philosophie

"Man kann nicht zum AC Mailand gehen und sagen: Wir spielen jetzt so wie Real Madrid. Wichtig ist: Jeder Verein hat seine eigene Philosophie. An der kann man mal ein bisschen da und ein bisschen dort drehen. Sie aber ganz über den Haufen zu werden, ist schwierig."

Starker Tobak von jemandem, der nach 14 Jahren beim deutschen Rekordmeister den Mikrokosmos FC Bayern bestens kennt, damit ganz abgeschlossen haben will und nun sagt:

"Wenn man jemanden verpflichtet hat, dann muss man auch wissen, wen man verpflichtet hat. Und Jürgen ist jemand, der sehr schnell versucht, neue Dinge zu implementieren." Das sei nicht ungefährlich - und ist auch zu verstehen als Seitenhieb in Richtung Chefetage mit Manager Uli Hoeneß.

Kahn bestreitet, dass Klinsmann bei den Bayern eine Linie gefunden hat. Und wenn, dann ist sie bisher vor allem erfolglos.

"Es ist die gleiche Mannschaft"

Was Kahn überrascht, "weil die Mannschaft sich ja nicht im Umbruch befindet. Es sind ja nur zwei, drei neue Spieler dazugekommen. Es ist ansonsten die gleiche Mannschaff, die das Double gewonnen hat und im Halbfinale des UEFA-Pokals stand."

Kahns Versuch, die harschen Worte zu relativieren, ist eher mittelmäßig: Dass es mit einem neuen Trainer nicht so schnell gehen kann, sei normal. "Diese Geduld muss der Verein aufbringen, wenn man davon überzeugt ist, dass es irgendwann wieder in die Erfolgsspur zurückgeht." Irgendwann, wohlgemerkt.

Eine kurzfristige Beendigung der Zusammenarbeit mit Klinsmann erwartet Kahn indes nicht. Er glaubt auch nicht, dass die Bayern "psychotisch werden und jetzt sofort umwerfen wollen, was ja vor einiger Zeit gewollt war: Dass eben einer kommt und versucht, den Verein ein bisschen umzukrempeln."

Was machen die Verantwortlichen?

Kahn glaubt vielmehr, "dass die Verantwortlichen beim FC Bayern nicht so extrem kurzfristig denken, sondern eine mittelfristige Sicht haben. Das macht die Klasse dieses Vereins aus."

Ungeachtet der Tatsache, dass Klinsmann sowohl Trainerstab, Trainingsgelände als auch Spielsystem reformierte und Zählbares bisher überwiegend schuldig bleibt.

Geschwächter Kapitän

Besonders schwer fallen muss dem langjährigen Kapitän Kahn im Jahr eins nach seinem Karriere-Ende, die Bayern als ein Team ohne wirkliche Hierarchie und Führungspersönlichkeiten zu erleben. Er, der Mister "Immer-weiter" und Motivator per excellence, verurteilte daher auch die Degradierung von Spielführer Mark van Bommel zum Bankdrücker:

"Ein Kapitän, der auf der Bank sitzt, kann natürlich niemals die Rolle einnehmen, die ein Kapitän einer Mannschaft normalerweise einnehmen sollte. Dadurch, dass er nicht immer präsent, nicht immer auf dem Platz ist, ist er natürlich in seiner Ausübung des Kapitänsamts geschwächt."

Ein erster Fall van Bommel

Kahn weiß genau, wovon er spricht: Schließlich war es Klinsmann, der ihm 2004 als neuer Bundestrainer die Binde wegnahm und Michael Ballack zum Mannschaftskapitän beförderte. Endgültig stürzte Klinsmann Kahn dann vor der WM 2006, als er Jens Lehman zur neuen Nummer eins machte.

Kahn hat Klinsmann das nie vergessen und verziehen. Er doziert nur nicht mehr drüber.

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